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Dr. Werner Röder:
>THE FATAL ATTRACTION<.
Muß der Azawakh das Schicksal seiner europäischen Artgenossen teilen?

Eine Buchbesprechung


Mit Texten von Johan und Edith Gallant, aus dem Englischen übersetzt von Gabriele Schröter.


In den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts haben französische und jugoslawische Afrikareisende ein gutes Dutzend  Windhunde aus Mali und Obervolta (dem heutigen Burkina Faso) nach Europa gebracht und mit ihnen zu züchten begonnen. 1980  sind diese Hunde und ihre Nachkommen als Vertreter einer eigenständigen, vom nordafrikanischen Sloughi zu trennenden  Rasse  seitens der FCI anerkannt  worden. Das Patronat ist der Societe Centrale Canine zugefallen, also dem Hundezuchtverband der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Der dort erarbeitete Standard beschreibt die frühen Importe und ihre ersten Abkömmlinge und vermittelt den Kenntnisstand der Importeure.
Der sahelische Nomadenwindhund mit dem Kunstnamen >Azawakh<.  ist  ein Nachzügler unter den rund 350  von der FCI registrierten Rassen. Denn die  Erschaffung des modernen Rassehunds durch die züchterische Verbesserung europäischer Landschläge fällt mehrheitlich in die  zweite Hälfte des 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mittlerweile ist der damals zeittypische Glaube an die  unbeschränkte  Beherrschbarkeit der Natur durch menschlichen Erfindungsgeist  auch im  >Hundewesen<.   an  seine  Grenzen gestoßen:  In  der Rassehundezucht gelten derzeit über 500  Krankheiten und Defekte  als erblich  bedingt.  Bei vielen Kulturrassen  würde eine strikte Selektion zu Gunsten genotypisch gesunder Exemplare  das Aussterben des Gesamtbestands zur Folge haben, da dessen  Mehrheit zu Trägern von Erbdefekten geworden ist.  Eine Zukunftsstrategie sehen die Zuchtverbände in dem Versuch,  Hunde mit der Disposition für eine bestimmte Krankheit  nicht mit gleicherweise  genetisch rezessiv belasteten Rassegenossen zu verpaaren, um so das sichtbare Auftreten des entsprechenden  Erbdefekts zu unterdrücken  und nur den nicht einschlägig betroffenen Teil der Nachkommenschaft für die weitere Fortpflanzung zu nutzen.  Forschung  und  Laborindustrie sind dabei die unverzichtbaren neuen Nothelfer. Ihre Analysen zeigen die genetische Disposition für bestimmte Erbkrankheiten und können erstmals sicherstellen, daß gegebenenfalls nur einer der vorgesehenen Zuchtpartner verdeckter Defektträger ist. Erhaltung und schrittweise Mehrung eines zumindest „phänotypisch gesunden“  Rassebestands scheinen damit  in den Bereich des Möglichen zu rücken. Der  Handlungsspielraum ist allerdings noch begrenzt, denn nur für eine vergleichsweise  geringe Zahl rassespezifischer Erbdefekte ist der Gen-Ort bereits bekannt. Das  führende deutsche Labor kann bislang Tests auf  fünfundzwanzig  Erbkrankheiten offerieren, die  unter vierzig FCI-Rassen verbreitet sind.  Der  Angebotskatalog wird aufgrund  der weltweit erheblichen wirtschaftlichen  Bedeutung der Hundehaltung  rasch zunehmen. Neben dem VDH sind gegenwärtig  dreiundzwanzig deutsche Rassehundeklubs Kooperationspartner des oben erwähnten gentechnologischen Unternehmens. Über kurz oder lang dürften die Mitgliedsorganisationen der FCI  Genanalysen zur Voraussetzung für die  Zuchtzulassung  machen.  Die Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats des VDH, Dr. Helga Eichelberg, hat dies in einer viel beachteten  Wortmeldung schon vorgezeichnet (in: >Unser Rassehund<., H.2 / 2008. Dieselbe und Jörg Epplen auch in >SV-Zeitung<., Juli 2007).   Die Hoffnung,  auf diese Weise einen Rückweg aus  der Krise unserer traditionellen Rassehundezucht  zu finden, sollte aber kein Vorwand sein, um der Frage nach dem Grund der immer deutlicher werdenden Malaise aus dem Weg zu gehen.  
In  einer  Neuerscheinung   >SOS DOG – The Purebred Dog Hobby Re-examined< (Alpine Publications, Crawford CO, USA, 242 Seiten, ISBN 1-57779-099-5, Preis 19,95 USD)  beschäftigen sich Johan und Edith Gallant mit der Problemgeschichte der modernen Rassehundezucht. Ihren  Arbeitstitel >The Fatal Attraction<.  übernehme  ich für diese Besprechung, weil er die Gefährdung der uralten symbiotischen Beziehung zwischen Mensch und Hund auf den Punkt bringt.  Das Buch hat – neben seinem  ethologischen Erkenntnisansatz – einen bedeutenden Vorzug gegenüber der mittlerweile schon recht zahlreichen kritischen Literatur:  Die Verfasser schreiben mit der Kompetenz ihrer  jahrzehntelangen  Innensicht  des  anglo-europäischen Hundewesens  und auf der Grundlage eigener Lernprozesse. Johan Gallant hat bereits eine Reihe kynologischer  Bücher  veröffentlicht und TV-Filme produziert (u.a.  Schnauzers, 1980; The World of Schnauzers, 1996; Das Große Schnauzerbuch, 1998; The Story of the African Dog, 2002).   Edith Gallant ist Spezialrichterin für Schutz- und Hütehunde; u.a. amtierte sie bei der Welthundeausstellung  1995.  Das aus Belgien stammende Ehepaar  züchtete  dreißig Jahren lang  Riesenschnauzer. Aus dem international renommierten Zwinger sind über 600 Welpen hervorgegangen. 
>Die Grundlage unserer Zucht war die Verpflichtung auf den Rassestandard, so wie ihn das Ursprungsland ausgearbeitet hatte. Von Anbeginn waren wir uns der Bedrohung durch Hüftgelenksdysplasie und einige wenige andere erbliche Probleme voll bewußt. Wir haben sie alle sorgfältig in Betracht gezogen und nur mit Hunden gezüchtet, die erklärtermaßen frei von erkennbaren Erbdefekten waren. Entsprechende Vorsicht ließen wir walten, wenn wir neues Zuchtmaterial erworben haben, das zu unserer vorhandenen Blutlinie paßte. All dies konnte aber nicht verhindern, daß wir uns in den letzten fünf bis zehn Jahren sporadisch aber zunehmend mit Erbdefekten konfrontiert sahen. Dazu gehörten Augenprobleme wie Entropion und Katarakt, Epilepsie von einer sehr milden bis zu einer ernsteren Form, eine Veranlagung für Krebs, der sich in einem zu frühen Alter entwickelte, spezifische Karzinome der Zehen und die fortgesetzte Bedrohung durch Hüftgelenksdysplasie trotz jahrelanger  Röntgenkontrollen. Wir waren uns einig, daß beim Vergleich mit der langen Liste der Erbdefekte, die für verschiedene andere Hunderassen erstellt worden ist, wir uns und unsere Rasse noch glücklich schätzen konnten. Aber wir brauchten frisches Blut, um unsere Zuchtziele weiter zu verfolgen. Es war uns völlig klar, daß das Grundprinzip der modernen Hundezucht die Verbesserung einer Rasse ist. Wenn wir also einen Fortschritt gegenüber unserem bereits erreichten Stand verwirklichen wollten – was wir über die vergangenen fünfundzwanzig Jahre hinweg unbeirrt angestrebt hatten – mußten wir irgendwo auf der Welt  einen Züchter finden, der uns Rassevertreter anbieten konnte, die frei von genetischen Defekten waren. Dies stellte sich als Ding der Unmöglichkeit heraus.  Einige sagten uns, daß die meisten  Probleme, denen wir begegnet waren, sie nicht betrafen, aber dann mußten sie – in aller Ehrlichkeit – doch zugeben, daß in ihrer Zucht  andere Defekte auftraten, von denen wir noch nicht einmal gehört hatten. Wir befanden  uns in einer Sackgasse: In unserer eigenen Zucht machten sich Erbdefekte bemerkbar. Aber das einzige, was wir dagegen tun konnten, war die Hereinnahme von neuen Zuchttieren, die uns zusätzliche Defekte einbringen würden. So wurde das Ganze zu einer Gewissensfrage und wir beschlossen, uns von der  Zucht jener Hunde zu trennen, die uns über dreißig Jahre ans Herz gewachsen waren. Wir haben die Mühen, die wir dabei auf uns genommen hatten, nicht bedauert, aber wir kamen zu dem Schluß,  daß an der Art und Weise, in der das moderne >Hundewesen<.  betrieben wird, etwas grundlegend falsch sein muß.< [1]
Schnauzer  gehören zu den früh etablierten Hunderassen, der Standard ist 1895 errichtet worden.  Edith und Johan Gallant haben also ihre eigene Zucht aus einer  Population heraus aufgebaut, deren  genetische Breite bereits  über mehr als sieben Jahrzehnte  hinweg durch die Selektion im Sinn des jeweils vorherrschenden Idealbilds der Rasse erhebliche Verluste erlitten hatte. Trotz einer nach  zeitgenössischem Wissensstand  gut überdachten Zuchtpolitik sind sie schließlich mit der Erkenntnis konfrontiert worden, daß der Wettlauf um die stetig neue phänotypische  „Verbesserung“   des Rassehunds den traditionellen Zuchtbetrieb  in eine Sackgasse geführt hat.  
Für die >Azawakh-Gemeinde<. kann dieses  Buch  ein Ansatzpunkt für rassespezifische  Überlegungen sein. Dazu im Weiteren mehr. Lassen wir zunächst die Verfasser mit einigen Grundgedanken zu Wort kommen.
>Unsere Groß- und Urgroßeltern, die das Ausstellungswesen als Meßlatte züchterischer Kunst  ins Leben riefen, hatten nur beschränkte Kenntnisse über genetische Naturgesetze bei der Vermehrung ihrer Rassehunde. Und sie verstanden auch die Einflüsse der Umwelt auf die physische und mentale Entwicklung des Hundes nur mangelhaft. Mit anderen Worten: Sie griffen auf kreative, aber uninformierte Art und Weise in die Natur ein. Diejenigen, die das moderne Hundewesen geschaffen haben, züchteten auf Phänotyp, ohne die  Macht der Gene und die Bedeutung des individuellen Genotyps zu kennen. Diesem Muster sind seitdem Generationen von Hundezüchtern gefolgt. Hundeliebhaber und Öffentlichkeit sind sich zum größten Teil  nicht der Tatsache bewußt, daß die Mehrheit unserer heutigen Hunderassen auf jeweils eine als „Stamm“  bezeichnete Gründergruppe zurückgeht. Sie bestand aus einer umfangmäßig unbestimmten, meist kleinen Anzahl von Exemplaren eines Landschlages, die nach  subjektiven Kriterien ausgewählt worden waren und den genetischen Pool  bildeten, aus dem dann eine „Rasse“ aufgebaut wurde. Die Schaffung einer Rasse mit bestimmten wiederkehrenden Eigenheiten ist nur möglich, wenn es gelingt, diese Besonderheiten genetisch zu fixieren - mit anderen Worten, Exemplare hervorzubringen, die für eine Reihe von Eigenschaften homozygot sind und diese Eigenschaften rein vererben. Einfach ausgedrückt heißt dies, daß ein Kreis von Interessierten eine Anzahl von Tieren nach persönlichen Vorlieben  aus einem regional vorhandenen Hundebestand auswählt. Die Stammgruppe wird sodann für ein Eng- und Inzuchtprogramm mit dem Ziel genutzt, den gewünschten Hundetyp als „Rasse“ zu etablieren. Das ist das Prinzip, nach dem die große Mehrheit der etwa 350 von der FCI anerkannten modernen Hunderassen entstanden ist. Sie werden in maßgebenden „Standards“ beschrieben, die wie die Rassen selbst Ergebnisse menschlicher Zielvorgaben sind. So hat etwa Rittmeister von Stephanitz, der Schöpfer  des Deutschen Schäferhundes, Weiß nicht als akzeptable Farbe für seine Rasse anerkannt. Folglich wurden weiße Welpen gewohnheitsmäßig ausgemerzt. In den letzten Jahrzehnten sind solche Welpen selektiv zur Zucht herangezogen worden, um eine neue Rasse zu schaffen - den weißen „Schweizer Schäferhund“.<

Im Fall des Azawakhs – und einiger weiterer ursprünglicher  Hunderassen – stoßen wir auf  das  Phänomen  einer  „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“: Zum einen entstand  in den Siebzigerjahren  mit  den wenigen ersten  Afrika-Importen  ein  Stamm , der mittlerweile  den gleichen Weg  der züchterischen  Vermehrung  und der Standardfestschreibung  zurückgelegt  hat  wie  die  aus den  europäischen Hundebeständen  im 19. und frühen 20. Jahrhundert  entnommenen  Gründungsgruppen moderner „Kulturrassen“.  Die  Besonderheit liegt  darin, daß  sich parallel hierzu  im Herkunftsgebiet des  Azawakhs, also in den Isolaten des Sahel,  die  zugrunde liegende  Hundepopulation als ursprüngliche Rasse erhalten  hat. Sie ist erst  in den Achtziger-  und Neunzigerjahren,  also  nach der Etablierung des FCI-Standards,  wirklichkeitsnah  dokumentiert  worden  und  übt  dank  zahlreicher  Neu-Importe inzwischen erheblichen Einfluß auf das hiesige  Zuchtgeschehen aus.   Damit  begegnen sich - vereinfacht gesagt -  in der außerafrikanischen Azawakhpopulation  zwei Genotypen der gleichen Rasse: Zum einen die bereits weitgehend homozygote Nachkommenschaft  der ersten Gründungsgruppe, zum anderen  die neueren Importe und  ihre  Abkömmlinge. Diese  besitzen noch breitgefächertes  Erbgut  aus dem  durch natürliche  Auslese und  ökologische Anpassung  an Habitat und  Nutzungszweck  entstandenen  Rassestamms.  Die wenigen verfügbaren Abbildungen von  Importen  der Gründungsgruppe   zeigen  den gleichen morphologischen Typus, der  nach wie vor  den  Nomadenwindhund  in den Savannen  von Mali, Niger und Burkina Faso kennzeichnet.  In ihrem gesamten Habitus erinnern sie eher an heutige Exemplare  des dortigen  Bestands  als an ihre derzeitigen, in direkter Linie aus der Gründungsgruppe gezüchteten  europäischen Nachfahren.  
Die  bei  Gallant  beschriebene Problematik  von  Rassestandards  zeigt sich beim Azawakh  in zweifacher Hinsicht  besonders deutlich:  Die französischen  Erstimporteure  haben ihre Hunde  in der Umgebung von Menaka erworben, einem auf der Route Nationale N.20 relativ leicht erreichbaren Tuaregzentrum  in der  Republik  Mali.  Ungeachtet einer  damals bereits vorliegenden ersten Studie  zum  Verbreitungsbereich  der Rasse   (Francois Roussel, Contribution a  l’etude des levriers du Sud Sahara, Diss. vet. med., Toulouse 1975)   beschränkten die Verfasser des FCI-Standards das Ursprungsgebiet im Sinn ihrer eigenen Importe  auf   Mali und  den dortigen, zum Verwaltungsbezirk  Menaka  gehörenden Teil des Valle de l’Assouagh . Tatsächlich ist das „Azawakhtal“   ein weit  in den Staat  Niger hineinreichender Großraum, der  seit je her von der gleichen Nomadenbevölkerung  unter Einschluß der Sahelregionen von Burkina Faso  bewandert wird  (siehe im einzelnen P.-H. Sander, Der Azawakh. Ein Wachhund als Jäger, in diesem Heft).  Von ernsthafterer  Bedeutung erweisen sich inzwischen  die  damaligen Standardvorgaben für Fellfarbe  und  -zeichnung, die sich ebenfalls an der ersten importierten Stammgruppe  orientieren. Sie kennen  nur Abstufungen von  Rot  mit  lokalisierten  weißen Abzeichen, 1994 ergänzt durch  die  unter dem Druck ihres zunehmenden Auftretens in der europäischen  Zucht  zugelassene  schwarze  Stromung.  Feldforschungen von ABIS (Association Burkinabe Idi du Sahel) zeigten dagegen  am Beispiel von  945 protokollierten Exemplaren aus dem gesamten Ursprungshabitat  eine

Variationsbreite, die  über die bei der FCI hinterlegten Beschreibung  erheblich  hinausgeht  (vgl. auch  Der >Fall Weiß<. Eine Denkschrift , hrsg. vom

Arbeitskreis Azawakh – Eine internationale Plattform im Interesse der Standardreform. 76 S., 2.Aufl. August 2005;  Gudrun Büxe jun., Azawakh im Wandel, 2006, in: www.azawakh.beeplog.de). 

Durchschnittsaufkommen von Farben und Zeichnungen in der Herkunftsregion zwischen 1996 und 2007 (> 1 %)

 

Rot                           48 %            Grizzlemaske      2 %

 Sandfarben                29 %             Stromung        12 %

Creme                         4 %            Scheckung        4 %

 Dunkler Überflug           5 %             Halskrause      14 %

Durchgehendes Weiß an Hals, Brust, Bauch oder Läufen  25 %

 Aus den Vorstandsreihen des französischen Rasseklubs SLAG ist neuerdings zu hören, daß  die Existenz  eines in Bezug auf  Farben und Zeichnungen  standardüberschreitenden rassespezifischen Erbguts  im Unterschied  zum früheren  Mischlingsverdacht auch gar nicht mehr  in Zweifel gezogen wird.  Entscheidend  sei aber,  daß  die  europäische  Azawakhzucht  auf diese  Varianten verzichten könne:  Ziel und  Kunstfertigkeit des Hundehobbys  sei es ja eben, Rassen  durch Zuchtwahl und Zuchtausschluß kreativ zu gestalten, also  im Sinn  des einmal festgeschriebenen Standards zu „verbessern“.  Ein solches Verständnis von Hundezucht  ist völlig  d’accord mit der  Gründungsidee des organisierten Hundewesens in einem Jahrhundert,  das mit Begriffen wie  Biodiversität  oder  Arterhaltung hätte wenig  anfangen können.   Im Fall des Azawakhs und anderer heutzutage  noch existierender  ursprünglicher Rassen,  die  in jüngerer Zeit unter dem Dach der FCI  einen Platz gefunden haben,  kann  diese Position  jedoch  fatale  Konsequenzen  haben. Sie  schließt  einen Sektor der  in der Regel bedrohten und zahlenmäßig schon im Rückzug befindlichen Ursprungspopulationen sowie einen zunehmenden Teil  des hiesigen Zuchtpotentials vom Aufbau  eines auf  Dauer überlebensfähigen  Rassebestands   aus.  So ist statistischen Erhebungen zu entnehmen,  daß  etwa ein Viertel  der Azawakhpopulation  im Ursprungsgebiet   und  ein annähernd gleich großer  Prozentsatz  unter  den  aktuellen  Würfen   außerhalb Afrikas  Weißanteile des Haarkleids aufweisen, deren Ausdehnung  im Standard nicht entsprechend  beschrieben wird. Solche Tiere sind deshalb nach Meinung des französischen  Zuchtverbands und  einzelner Funktionsträger  im  DWZRV „fehlerhaft“.  Dies läuft nach den Spielregeln des organisierten Hundewesens auf  eine erhebliche zahlenmäßige Verringerung der züchterischen Ressourcen hinaus. Populationsgenetiker veranschlagen für Aufbau und Erhaltung eines genotypisch gesunden Rassebestands ein Zuchtreservoir  von mehreren Hundert  nicht verwandter Exemplare. Das mag ein theoretisches Optimum sein.  Eine Verengung des tatsächlich verfügbaren  genetischen  Pools  durch  wortgetreuen Vollzug  von  teilweise willkürlichen, weil zeitgebundenen Standardtexten  verringert  jedenfalls die Möglichkeit, der in  SOS Dog  als  Ausgangspunkt zunehmender  Erbdefekte  beschriebenen  Engzucht  künftig eher aus dem Weg zu gehen. 
>Aus dem Umstand heraus, daß die meisten unserer Rassen nur von einer Handvoll Vorfahren  abstammen, die nach persönlichen Vorlieben ausgesucht worden sind und deren Nachkommen zwischen 1873 und 1925  eigene Standards bekommen haben, ist die hierfür unvermeidliche In- und Linienzucht zur Regel geworden, die in der Züchtergemeinde auch heute noch weitgehend angewandt wird.<…> Inzucht und Linienzucht sind höchst wirksame Verfahren und die einzigen Werkzeuge, um eine moderne Rasse zu schaffen.  Ihre Anwendung birgt aber auch Gefahren. Denn Gene tragen nicht nur Eigenschaften, für die der Züchter Dominanz anstrebt. Auch weniger erwünschte oder objektiv schädliche  Dispositionen können gleichzeitig mit vererbt  bzw.  positive Eigenschaften anderer Art dabei ungewollt  ausgemerzt werden. Komplizierte Vernetzungen zwischen den Genen auf dem gleichen Chromosom machen eine klare Prognose unmöglich.<…> Ohne Lenkung von Seiten des Menschen erzeugen umstandsbedingte Inzucht-Paarungen unter natürlichen Bedingungen keine dauerhaften Probleme; nach dem Selektionsprinzip des „survival of the fittest“ werden erblich belastete Exemplare früher oder später von der Vermehrung ausgeschlossen. In den Händen des  durchschnittlichen Hundezüchters, der sich der In- und Engzucht zur „Verbesserung“ seiner Rasse bedient, bleibt dies ein Versuchsverfahren mit nicht vorhersehbaren Folgen. Es hat prächtige Rassen hervorgebracht, ihnen aber auch eine stetig wachsende Liste von Erbkrankheiten als unvermeidbare Nebenwirkungen beschert. Eine Begleiterscheinung der Ausstellungszucht war von Anfang an die Neigung, Show-Champions möglichst häufig als Deckrüden einzusetzen. Dies  führt dazu, daß ein Siegerhund innerhalb relativ kurzer Zeit seinen genetischen Einfluß auf eine ganze Rassegeneration ausüben kann. Später ist er dann als Vererber sowohl mütterlicher-  wie väterlicherseits auf zahllosen Ahnentafeln zu finden. Auch unter ursprünglichen Bedingungen wird es vorkommen, daß  ein Rüde die Fortpflanzung innerhalb seines direkten Umfelds zeitweise dominiert. Dies beruht auf sozialer Autorität und physischer Befähigung und nicht auf einer organisierten Verpaarung unter dem Gesichtspunkt von Ausstellungserfolgen und Züchterstrategien.<     

In der Tat sind  Ahnenverluste  durch  örtliche Rüdendominanz  für den  Gen-Pool  im Herkunftsgebiet des Azawakhs  ohne nachhaltige Bedeutung, da aufgrund  der kurzen Lebenserwartung  ein  rascher Generationenwechsel  stattfindet  und  die Mobilität der Nomaden  ein  häufiges Outcrossing begünstigt.  Unter  europäischen Voraussetzungen, d.h. bei  einer kleinen  historischen  „Gründungsgruppe“, einem zahlenmäßig weiterhin  geringem Gesamtbestand mit entsprechender  Engzucht  und  einer  verfrühten  phänotypischen  Selektion, kann der Ahnenverlust  in wenigen Generationen den kritischen Grenzwert  erreichen , d.h. einen AVK  unter 75 Einheiten.  Die fortgesetzte Vermehrung innerhalb eines solchen genetisch unzureichend  variablen  Bestands  wird  nicht nur den originären Habitus der Rasse verändern, sondern  nach  heutigem  Erkenntnisstand  in eben jene Sackgasse führen, die Johan und Edith Gallant  aus ihrer züchterischer Erfahrung schildern.  
AVK-Verlauf bei den Würfen einer auf der ersten Gründergruppe aufbauenden Azawakhzucht 1977 - 2007
Siehe Diagramm  3  unter AVK- und IK-Diagramme

AVK-Verlauf bei den Würfen einer Azawakhzucht 1983 - 2008 die seit 1995 Importe aus der Ursprungsregion einbezieht
Siehe Diagramm 6 unter AVK- und IK-Diagramme
 
Beide Schaubilder verdeutlichen mit Absicht zwei beispielhaft konträre Zuchtpositionen. Die  mir vorliegenden Zahlen für weitere Zuchtstätten weisen Mischwerte auf.  Die zweite Tabelle zeigt des weiteren auch die  Möglichkeit,  die  genetische Breite eines Bestands  bei anfangs ebenfalls höchst  bedenklichen AVK-Werten  nachhaltig  wiederherzustellen.  
Die  dritte  Statistik  weist auf, wie  in einem mit neueren  Importen aufgebauten  Zuchtbestand  der Ahnenverlustkoeffizient konstant im „grünen Bereich“ gehalten werden kann:
Siehe Diagramm 2 unter AVK- und IK-Diagramme 


 Die  europäische  Gründerzeit  der Rasse  >Azawakh<. ist nicht im 19. Jahr- hundert  abgelaufen, ihr Beginn liegt erst einige Jahrzehnte  zurück. Der homozygote Verarmungsprozeß mit der Verankerung von Erbkrankheiten im  hiesigen genetischen  Pool  mag sich deshalb  insgesamt erst auf  dem Weg zum kritischen Punkt  befinden. In nahezu sämtlichen Stammtafeln der älteren Population sind die gleichen drei oder vier Deckrüden der damaligen Zeit mehrfach vertreten - dies nicht allein aufgrund  numerischer Knappheit, sondern später auch  unter dem Einfluß der  Championatszucht,  also der populationsgenetisch schädlichen Vielfachverwendung  von Vererbern mit erfolgreicher Ausstellungspraxis. Insofern ist nicht so sehr der aktuelle Inzuchtkoeffizient, sondern das Ausmaß des Ahnenverlusts die Scheidemarke für eine verantwortungsvolle Zuchtpolitik.

Der Zustand der Rasse ist auch nach der genetischen Aufstockung  durch neue Importe seit den Neunzigerjahren prekär. Auf der gewiß unvollständigen  Grundlage  uns zugänglicher Informationen  hält sich das Auftreten von Erbdefekten bei Azawakhs im Vergleich mit anderen Rassen bislang noch in Grenzen. Im Gespräch sind  Epilepsie,  Radius curvus (vorzeitiger Ulnaepiphysenschluß), dysfunktionale  Veränderungen bei Skelett und Muskulatur (Unterkieferschwäche, Muskelschwund im Schädelbereich,  Fehlstellungen von Schulter und  Vorderläufen,  Schwächen im Stützapparat der Wirbelsäule) sowie  Verhaltensauffälligkeiten und  Vitalitätsverluste. Die Autoren des hier besprochenen Buchs folgen der kynologischen  Mehrheitsmeinung, daß  Engzucht  bei  wachsendem  Ahnenverlust  als Ursache erbgesundheitlicher Gefährdung  zu sehen ist. Dies vorausgesetzt, wird ein nur aus den eigenen Reihen vermehrter  europäischer Azawakh-Bestand  früher oder später das genetische Debakel unserer Kulturrassen teilen. „Die züchterische Kunst besteht darin, möglichst viele der natürlichen Genvariationen zu nutzen, die in der Population vorhanden sind“ – so Dr. Helga Eichelberg vom VDH, die an gleicher Stelle vor einer „zu lange fortgesetzten Linienzucht“ warnt (>SV-Zeitung<. Juli 2007, S.416).  Leider fehlt es unserer derzeitigen Azawakhpopulation an der hierfür nötigen Zahl und darin an einem ausreichenden Anteil genetisch variierender Zuchtexemplare. Anders  gesagt:  Nur durch  eine fortgesetzte Erweiterung des Gen-Pools  mit der bestmöglicher Rekonstruktion der ursprünglichen Bandbreite  wird das Überleben der  Rasse  ohne  die kostspieligen  Dienstleistungen gentechnologischer Laboratorien und ohne traurige individuelle Krankheitsgeschichten auf Dauer zu erreichen  sein.  
Hier kommt nun möglicherweise die  Chance  der Azawakhs ins Spiel.  Zum einen:  Sie könnten als erst kürzlich nach Europa verpflanzte Rasse vielleicht noch von den Erkenntnissen der neueren Kynologie durch Lernprozesse auf Seiten ihrer Züchter profitieren oder mit der Zeit gar ein dementsprechendes Umdenken des französischen  Standard -„Eigentümers“  erleben.  Zweitens: Nach wie vor gibt es unvermischte, durch natürliche Selektion ausgezeichnete Bestände in den heimatlichen Isolatgebieten der Rasse. Sie machen  es  möglich, der hiesigen Population  genetisch aufzuhelfen. Voraussetzung hierfür ist das weitere Offenhalten der europäischen Azawakh-Zuchtbücher. All das hängt aber von der „Philosophie“  der Züchter  und  ihrer  Verbandsvertreter  ab.  SOS Dog nimmt sich diesbezüglich kein Blatt vor den Mund:
>Das  moderne Hundewesen besteht aus Hundeliebhabern und aus Rassefanatikern. Rassefanatiker sind – wie das Wort besagt – völlig von ihrer spezifischen Rasse eingenommen und ihrer eigenen Meinung nach die absolute Autorität auf diesem Gebiet. Sie treten in zwei Kategorien auf. Zum einen sind da die Idealisten, die aufrichtig glauben, daß sie ihr Ziel erreichen können, eine Rasse physisch und verhaltensmäßig unbegrenzt  zu „verbessern“. Neben solchen Gläubigen gibt es die bedenkenlosen Hardliner, denen jedes Mittel zum Erfolg recht ist. <…> Sie geben vor, die Hüter ihrer Rasse zu sein, weil sie bedingungslos auf den Standard schwören und auf alle Details, die dort einmal festgelegt worden sind. Das sind die einzigen Richtlinien, auf die ihre züchterische Tätigkeit aufbaut. Ihr Bestreben läuft nicht selten darauf hinaus, die Vorgaben eines Rassestandards durch extreme Typisierung zu übertreffen. Sie gehen auf die Barrikaden für  Standardbestimmungen, deren Bedeutung sie manchmal gar nicht verstanden haben und deren Ursprung oder Zweck sie nicht erklären können.<

Über die entwicklungsgeschichtliche, ethologische und erbkundliche Thematik  hinaus  bietet Johan und Edith Gallants Buch eine Fülle von praktischen Anregungen für Züchter und Halter sowie bedenkenswerte Vorschläge für eine Reform des organisierten Hundewesens.  Eine deutsche Ausgabe dürfte in absehbarer Zeit erscheinen und könnte auch hierzulande eine von eingespielten  Emotionen hoffentlich freie Sachdiskussion voranbringen. 
Ich danke Johan und Edith Gallant, die mir ihr Manuskript noch vor der Drucklegung zugänglich gemacht und das ausführliche Zitieren daraus genehmigt haben. Ebenso geht mein Dank an die Windhundexpertin Gabriele Schröter, die ausgewählte Teile des Manuskripts ins Deutsche übertragen hat.  Dr. Helga Eichelberg (VDH) und eine ganze Reihe von Azawakhzüchtern und -besitzern haben sich in dankenswerter Weise die Zeit genommen, meinen Text  im Voraus kritisch zu lesen. WR          
[1]  Die  kursiv gesetzten Passagen sind  Übertragungen aus einem mir  in  englischer Sprache zugänglichen Manuskript, das der Buchveröffentlichung vom November 2008 zugrunde liegt.



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