
Dr. Werner Röder: >THE FATAL ATTRACTION<. Muß der Azawakh das Schicksal seiner europäischen Artgenossen teilen?
Eine Buchbesprechung
Mit Texten von Johan und Edith Gallant, aus dem Englischen übersetzt von Gabriele Schröter.
In den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts haben französische und jugoslawische Afrikareisende ein gutes Dutzend Windhunde aus Mali und Obervolta (dem heutigen Burkina Faso) nach Europa gebracht und mit ihnen zu züchten begonnen. 1980 sind diese Hunde und ihre Nachkommen als Vertreter einer eigenständigen, vom nordafrikanischen Sloughi zu trennenden Rasse seitens der FCI anerkannt worden. Das Patronat ist der Societe Centrale Canine zugefallen, also dem Hundezuchtverband der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Der dort erarbeitete Standard beschreibt die frühen Importe und ihre ersten Abkömmlinge und vermittelt den Kenntnisstand der Importeure. Der sahelische Nomadenwindhund mit dem Kunstnamen >Azawakh<. ist ein Nachzügler unter den rund 350 von der FCI registrierten Rassen. Denn die Erschaffung des modernen Rassehunds durch die züchterische Verbesserung europäischer Landschläge fällt mehrheitlich in die zweite Hälfte des 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mittlerweile ist der damals zeittypische Glaube an die unbeschränkte Beherrschbarkeit der Natur durch menschlichen Erfindungsgeist auch im >Hundewesen<. an seine Grenzen gestoßen: In der Rassehundezucht gelten derzeit über 500 Krankheiten und Defekte als erblich bedingt. Bei vielen Kulturrassen würde eine strikte Selektion zu Gunsten genotypisch gesunder Exemplare das Aussterben des Gesamtbestands zur Folge haben, da dessen Mehrheit zu Trägern von Erbdefekten geworden ist. Eine Zukunftsstrategie sehen die Zuchtverbände in dem Versuch, Hunde mit der Disposition für eine bestimmte Krankheit nicht mit gleicherweise genetisch rezessiv belasteten Rassegenossen zu verpaaren, um so das sichtbare Auftreten des entsprechenden Erbdefekts zu unterdrücken und nur den nicht einschlägig betroffenen Teil der Nachkommenschaft für die weitere Fortpflanzung zu nutzen. Forschung und Laborindustrie sind dabei die unverzichtbaren neuen Nothelfer. Ihre Analysen zeigen die genetische Disposition für bestimmte Erbkrankheiten und können erstmals sicherstellen, daß gegebenenfalls nur einer der vorgesehenen Zuchtpartner verdeckter Defektträger ist. Erhaltung und schrittweise Mehrung eines zumindest „phänotypisch gesunden“ Rassebestands scheinen damit in den Bereich des Möglichen zu rücken. Der Handlungsspielraum ist allerdings noch begrenzt, denn nur für eine vergleichsweise geringe Zahl rassespezifischer Erbdefekte ist der Gen-Ort bereits bekannt. Das führende deutsche Labor kann bislang Tests auf fünfundzwanzig Erbkrankheiten offerieren, die unter vierzig FCI-Rassen verbreitet sind. Der Angebotskatalog wird aufgrund der weltweit erheblichen wirtschaftlichen Bedeutung der Hundehaltung rasch zunehmen. Neben dem VDH sind gegenwärtig dreiundzwanzig deutsche Rassehundeklubs Kooperationspartner des oben erwähnten gentechnologischen Unternehmens. Über kurz oder lang dürften die Mitgliedsorganisationen der FCI Genanalysen zur Voraussetzung für die Zuchtzulassung machen. Die Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats des VDH, Dr. Helga Eichelberg, hat dies in einer viel beachteten Wortmeldung schon vorgezeichnet (in: >Unser Rassehund<., H.2 / 2008. Dieselbe und Jörg Epplen auch in >SV-Zeitung<., Juli 2007). Die Hoffnung, auf diese Weise einen Rückweg aus der Krise unserer traditionellen Rassehundezucht zu finden, sollte aber kein Vorwand sein, um der Frage nach dem Grund der immer deutlicher werdenden Malaise aus dem Weg zu gehen. In einer Neuerscheinung >SOS DOG – The Purebred Dog Hobby Re-examined< (Alpine Publications, Crawford CO, USA, 242 Seiten, ISBN 1-57779-099-5, Preis 19,95 USD) beschäftigen sich Johan und Edith Gallant mit der Problemgeschichte der modernen Rassehundezucht. Ihren Arbeitstitel >The Fatal Attraction<. übernehme ich für diese Besprechung, weil er die Gefährdung der uralten symbiotischen Beziehung zwischen Mensch und Hund auf den Punkt bringt. Das Buch hat – neben seinem ethologischen Erkenntnisansatz – einen bedeutenden Vorzug gegenüber der mittlerweile schon recht zahlreichen kritischen Literatur: Die Verfasser schreiben mit der Kompetenz ihrer jahrzehntelangen Innensicht des anglo-europäischen Hundewesens und auf der Grundlage eigener Lernprozesse. Johan Gallant hat bereits eine Reihe kynologischer Bücher veröffentlicht und TV-Filme produziert (u.a. Schnauzers, 1980; The World of Schnauzers, 1996; Das Große Schnauzerbuch, 1998; The Story of the African Dog, 2002). Edith Gallant ist Spezialrichterin für Schutz- und Hütehunde; u.a. amtierte sie bei der Welthundeausstellung 1995. Das aus Belgien stammende Ehepaar züchtete dreißig Jahren lang Riesenschnauzer. Aus dem international renommierten Zwinger sind über 600 Welpen hervorgegangen. >Die Grundlage unserer Zucht war die Verpflichtung auf den Rassestandard, so wie ihn das Ursprungsland ausgearbeitet hatte. Von Anbeginn waren wir uns der Bedrohung durch Hüftgelenksdysplasie und einige wenige andere erbliche Probleme voll bewußt. Wir haben sie alle sorgfältig in Betracht gezogen und nur mit Hunden gezüchtet, die erklärtermaßen frei von erkennbaren Erbdefekten waren. Entsprechende Vorsicht ließen wir walten, wenn wir neues Zuchtmaterial erworben haben, das zu unserer vorhandenen Blutlinie paßte. All dies konnte aber nicht verhindern, daß wir uns in den letzten fünf bis zehn Jahren sporadisch aber zunehmend mit Erbdefekten konfrontiert sahen. Dazu gehörten Augenprobleme wie Entropion und Katarakt, Epilepsie von einer sehr milden bis zu einer ernsteren Form, eine Veranlagung für Krebs, der sich in einem zu frühen Alter entwickelte, spezifische Karzinome der Zehen und die fortgesetzte Bedrohung durch Hüftgelenksdysplasie trotz jahrelanger Röntgenkontrollen. Wir waren uns einig, daß beim Vergleich mit der langen Liste der Erbdefekte, die für verschiedene andere Hunderassen erstellt worden ist, wir uns und unsere Rasse noch glücklich schätzen konnten. Aber wir brauchten frisches Blut, um unsere Zuchtziele weiter zu verfolgen. Es war uns völlig klar, daß das Grundprinzip der modernen Hundezucht die Verbesserung einer Rasse ist. Wenn wir also einen Fortschritt gegenüber unserem bereits erreichten Stand verwirklichen wollten – was wir über die vergangenen fünfundzwanzig Jahre hinweg unbeirrt angestrebt hatten – mußten wir irgendwo auf der Welt einen Züchter finden, der uns Rassevertreter anbieten konnte, die frei von genetischen Defekten waren. Dies stellte sich als Ding der Unmöglichkeit heraus. Einige sagten uns, daß die meisten Probleme, denen wir begegnet waren, sie nicht betrafen, aber dann mußten sie – in aller Ehrlichkeit – doch zugeben, daß in ihrer Zucht andere Defekte auftraten, von denen wir noch nicht einmal gehört hatten. Wir befanden uns in einer Sackgasse: In unserer eigenen Zucht machten sich Erbdefekte bemerkbar. Aber das einzige, was wir dagegen tun konnten, war die Hereinnahme von neuen Zuchttieren, die uns zusätzliche Defekte einbringen würden. So wurde das Ganze zu einer Gewissensfrage und wir beschlossen, uns von der Zucht jener Hunde zu trennen, die uns über dreißig Jahre ans Herz gewachsen waren. Wir haben die Mühen, die wir dabei auf uns genommen hatten, nicht bedauert, aber wir kamen zu dem Schluß, daß an der Art und Weise, in der das moderne >Hundewesen<. betrieben wird, etwas grundlegend falsch sein muß.< [1] Schnauzer gehören zu den früh etablierten Hunderassen, der Standard ist 1895 errichtet worden. Edith und Johan Gallant haben also ihre eigene Zucht aus einer Population heraus aufgebaut, deren genetische Breite bereits über mehr als sieben Jahrzehnte hinweg durch die Selektion im Sinn des jeweils vorherrschenden Idealbilds der Rasse erhebliche Verluste erlitten hatte. Trotz einer nach zeitgenössischem Wissensstand gut überdachten Zuchtpolitik sind sie schließlich mit der Erkenntnis konfrontiert worden, daß der Wettlauf um die stetig neue phänotypische „Verbesserung“ des Rassehunds den traditionellen Zuchtbetrieb in eine Sackgasse geführt hat. Für die >Azawakh-Gemeinde<. kann dieses Buch ein Ansatzpunkt für rassespezifische Überlegungen sein. Dazu im Weiteren mehr. Lassen wir zunächst die Verfasser mit einigen Grundgedanken zu Wort kommen. >Unsere Groß- und Urgroßeltern, die das Ausstellungswesen als Meßlatte züchterischer Kunst ins Leben riefen, hatten nur beschränkte Kenntnisse über genetische Naturgesetze bei der Vermehrung ihrer Rassehunde. Und sie verstanden auch die Einflüsse der Umwelt auf die physische und mentale Entwicklung des Hundes nur mangelhaft. Mit anderen Worten: Sie griffen auf kreative, aber uninformierte Art und Weise in die Natur ein. Diejenigen, die das moderne Hundewesen geschaffen haben, züchteten auf Phänotyp, ohne die Macht der Gene und die Bedeutung des individuellen Genotyps zu kennen. Diesem Muster sind seitdem Generationen von Hundezüchtern gefolgt. Hundeliebhaber und Öffentlichkeit sind sich zum größten Teil nicht der Tatsache bewußt, daß die Mehrheit unserer heutigen Hunderassen auf jeweils eine als „Stamm“ bezeichnete Gründergruppe zurückgeht. Sie bestand aus einer umfangmäßig unbestimmten, meist kleinen Anzahl von Exemplaren eines Landschlages, die nach subjektiven Kriterien ausgewählt worden waren und den genetischen Pool bildeten, aus dem dann eine „Rasse“ aufgebaut wurde. Die Schaffung einer Rasse mit bestimmten wiederkehrenden Eigenheiten ist nur möglich, wenn es gelingt, diese Besonderheiten genetisch zu fixieren - mit anderen Worten, Exemplare hervorzubringen, die für eine Reihe von Eigenschaften homozygot sind und diese Eigenschaften rein vererben. Einfach ausgedrückt heißt dies, daß ein Kreis von Interessierten eine Anzahl von Tieren nach persönlichen Vorlieben aus einem regional vorhandenen Hundebestand auswählt. Die Stammgruppe wird sodann für ein Eng- und Inzuchtprogramm mit dem Ziel genutzt, den gewünschten Hundetyp als „Rasse“ zu etablieren. Das ist das Prinzip, nach dem die große Mehrheit der etwa 350 von der FCI anerkannten modernen Hunderassen entstanden ist. Sie werden in maßgebenden „Standards“ beschrieben, die wie die Rassen selbst Ergebnisse menschlicher Zielvorgaben sind. So hat etwa Rittmeister von Stephanitz, der Schöpfer des Deutschen Schäferhundes, Weiß nicht als akzeptable Farbe für seine Rasse anerkannt. Folglich wurden weiße Welpen gewohnheitsmäßig ausgemerzt. In den letzten Jahrzehnten sind solche Welpen selektiv zur Zucht herangezogen worden, um eine neue Rasse zu schaffen - den weißen „Schweizer Schäferhund“.<
Im Fall des Azawakhs – und einiger weiterer ursprünglicher Hunderassen – stoßen wir auf das Phänomen einer „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“: Zum einen entstand in den Siebzigerjahren mit den wenigen ersten Afrika-Importen ein Stamm , der mittlerweile den gleichen Weg der züchterischen Vermehrung und der Standardfestschreibung zurückgelegt hat wie die aus den europäischen Hundebeständen im 19. und frühen 20. Jahrhundert entnommenen Gründungsgruppen moderner „Kulturrassen“. Die Besonderheit liegt darin, daß sich parallel hierzu im Herkunftsgebiet des Azawakhs, also in den Isolaten des Sahel, die zugrunde liegende Hundepopulation als ursprüngliche Rasse erhalten hat. Sie ist erst in den Achtziger- und Neunzigerjahren, also nach der Etablierung des FCI-Standards, wirklichkeitsnah dokumentiert worden und übt dank zahlreicher Neu-Importe inzwischen erheblichen Einfluß auf das hiesige Zuchtgeschehen aus. Damit begegnen sich - vereinfacht gesagt - in der außerafrikanischen Azawakhpopulation zwei Genotypen der gleichen Rasse: Zum einen die bereits weitgehend homozygote Nachkommenschaft der ersten Gründungsgruppe, zum anderen die neueren Importe und ihre Abkömmlinge. Diese besitzen noch breitgefächertes Erbgut aus dem durch natürliche Auslese und ökologische Anpassung an Habitat und Nutzungszweck entstandenen Rassestamms. Die wenigen verfügbaren Abbildungen von Importen der Gründungsgruppe zeigen den gleichen morphologischen Typus, der nach wie vor den Nomadenwindhund in den Savannen von Mali, Niger und Burkina Faso kennzeichnet. In ihrem gesamten Habitus erinnern sie eher an heutige Exemplare des dortigen Bestands als an ihre derzeitigen, in direkter Linie aus der Gründungsgruppe gezüchteten europäischen Nachfahren. Die bei Gallant beschriebene Problematik von Rassestandards zeigt sich beim Azawakh in zweifacher Hinsicht besonders deutlich: Die französischen Erstimporteure haben ihre Hunde in der Umgebung von Menaka erworben, einem auf der Route Nationale N.20 relativ leicht erreichbaren Tuaregzentrum in der Republik Mali. Ungeachtet einer damals bereits vorliegenden ersten Studie zum Verbreitungsbereich der Rasse (Francois Roussel, Contribution a l’etude des levriers du Sud Sahara, Diss. vet. med., Toulouse 1975) beschränkten die Verfasser des FCI-Standards das Ursprungsgebiet im Sinn ihrer eigenen Importe auf Mali und den dortigen, zum Verwaltungsbezirk Menaka gehörenden Teil des Valle de l’Assouagh . Tatsächlich ist das „Azawakhtal“ ein weit in den Staat Niger hineinreichender Großraum, der seit je her von der gleichen Nomadenbevölkerung unter Einschluß der Sahelregionen von Burkina Faso bewandert wird (siehe im einzelnen P.-H. Sander, Der Azawakh. Ein Wachhund als Jäger, in diesem Heft). Von ernsthafterer Bedeutung erweisen sich inzwischen die damaligen Standardvorgaben für Fellfarbe und -zeichnung, die sich ebenfalls an der ersten importierten Stammgruppe orientieren. Sie kennen nur Abstufungen von Rot mit lokalisierten weißen Abzeichen, 1994 ergänzt durch die unter dem Druck ihres zunehmenden Auftretens in der europäischen Zucht zugelassene schwarze Stromung. Feldforschungen von ABIS (Association Burkinabe Idi du Sahel) zeigten dagegen am Beispiel von 945 protokollierten Exemplaren aus dem gesamten Ursprungshabitat eine
Variationsbreite, die über die bei der FCI hinterlegten Beschreibung erheblich hinausgeht (vgl. auch Der >Fall Weiß<. Eine Denkschrift , hrsg. vom
Arbeitskreis Azawakh – Eine internationale Plattform im Interesse der Standardreform. 76 S., 2.Aufl. August 2005; Gudrun Büxe jun., Azawakh im Wandel, 2006, in: www.azawakh.beeplog.de).
Durchschnittsaufkommen von Farben und Zeichnungen in der Herkunftsregion zwischen 1996 und 2007 (> 1 %)
Rot 48 % Grizzlemaske 2 %
Sandfarben 29 % Stromung 12 %
Creme 4 % Scheckung 4 %
Dunkler Überflug 5 % Halskrause 14 %
Durchgehendes Weiß an Hals, Brust, Bauch oder Läufen 25 %
Aus den Vorstandsreihen des französischen Rasseklubs SLAG ist neuerdings zu hören, daß die Existenz eines in Bezug auf Farben und Zeichnungen standardüberschreitenden rassespezifischen Erbguts im Unterschied zum früheren Mischlingsverdacht auch gar nicht mehr in Zweifel gezogen wird. Entscheidend sei aber, daß die europäische Azawakhzucht auf diese Varianten verzichten könne: Ziel und Kunstfertigkeit des Hundehobbys sei es ja eben, Rassen durch Zuchtwahl und Zuchtausschluß kreativ zu gestalten, also im Sinn des einmal festgeschriebenen Standards zu „verbessern“. Ein solches Verständnis von Hundezucht ist völlig d’accord mit der Gründungsidee des organisierten Hundewesens in einem Jahrhundert, das mit Begriffen wie Biodiversität oder Arterhaltung hätte wenig anfangen können. Im Fall des Azawakhs und anderer heutzutage noch existierender ursprünglicher Rassen, die in jüngerer Zeit unter dem Dach der FCI einen Platz gefunden haben, kann diese Position jedoch fatale Konsequenzen haben. Sie schließt einen Sektor der in der Regel bedrohten und zahlenmäßig schon im Rückzug befindlichen Ursprungspopulationen sowie einen zunehmenden Teil des hiesigen Zuchtpotentials vom Aufbau eines auf Dauer überlebensfähigen Rassebestands aus. So ist statistischen Erhebungen zu entnehmen, daß etwa ein Viertel der Azawakhpopulation im Ursprungsgebiet und ein annähernd gleich großer Prozentsatz unter den aktuellen Würfen außerhalb Afrikas Weißanteile des Haarkleids aufweisen, deren Ausdehnung im Standard nicht entsprechend beschrieben wird. Solche Tiere sind deshalb nach Meinung des französischen Zuchtverbands und einzelner Funktionsträger im DWZRV „fehlerhaft“. Dies läuft nach den Spielregeln des organisierten Hundewesens auf eine erhebliche zahlenmäßige Verringerung der züchterischen Ressourcen hinaus. Populationsgenetiker veranschlagen für Aufbau und Erhaltung eines genotypisch gesunden Rassebestands ein Zuchtreservoir von mehreren Hundert nicht verwandter Exemplare. Das mag ein theoretisches Optimum sein. Eine Verengung des tatsächlich verfügbaren genetischen Pools durch wortgetreuen Vollzug von teilweise willkürlichen, weil zeitgebundenen Standardtexten verringert jedenfalls die Möglichkeit, der in SOS Dog als Ausgangspunkt zunehmender Erbdefekte beschriebenen Engzucht künftig eher aus dem Weg zu gehen. >Aus dem Umstand heraus, daß die meisten unserer Rassen nur von einer Handvoll Vorfahren abstammen, die nach persönlichen Vorlieben ausgesucht worden sind und deren Nachkommen zwischen 1873 und 1925 eigene Standards bekommen haben, ist die hierfür unvermeidliche In- und Linienzucht zur Regel geworden, die in der Züchtergemeinde auch heute noch weitgehend angewandt wird.<…> Inzucht und Linienzucht sind höchst wirksame Verfahren und die einzigen Werkzeuge, um eine moderne Rasse zu schaffen. Ihre Anwendung birgt aber auch Gefahren. Denn Gene tragen nicht nur Eigenschaften, für die der Züchter Dominanz anstrebt. Auch weniger erwünschte oder objektiv schädliche Dispositionen können gleichzeitig mit vererbt bzw. positive Eigenschaften anderer Art dabei ungewollt ausgemerzt werden. Komplizierte Vernetzungen zwischen den Genen auf dem gleichen Chromosom machen eine klare Prognose unmöglich.<…> Ohne Lenkung von Seiten des Menschen erzeugen umstandsbedingte Inzucht-Paarungen unter natürlichen Bedingungen keine dauerhaften Probleme; nach dem Selektionsprinzip des „survival of the fittest“ werden erblich belastete Exemplare früher oder später von der Vermehrung ausgeschlossen. In den Händen des durchschnittlichen Hundezüchters, der sich der In- und Engzucht zur „Verbesserung“ seiner Rasse bedient, bleibt dies ein Versuchsverfahren mit nicht vorhersehbaren Folgen. Es hat prächtige Rassen hervorgebracht, ihnen aber auch eine stetig wachsende Liste von Erbkrankheiten als unvermeidbare Nebenwirkungen beschert. Eine Begleiterscheinung der Ausstellungszucht war von Anfang an die Neigung, Show-Champions möglichst häufig als Deckrüden einzusetzen. Dies führt dazu, daß ein Siegerhund innerhalb relativ kurzer Zeit seinen genetischen Einfluß auf eine ganze Rassegeneration ausüben kann. Später ist er dann als Vererber sowohl mütterlicher- wie väterlicherseits auf zahllosen Ahnentafeln zu finden. Auch unter ursprünglichen Bedingungen wird es vorkommen, daß ein Rüde die Fortpflanzung innerhalb seines direkten Umfelds zeitweise dominiert. Dies beruht auf sozialer Autorität und physischer Befähigung und nicht auf einer organisierten Verpaarung unter dem Gesichtspunkt von Ausstellungserfolgen und Züchterstrategien.<
In der Tat sind Ahnenverluste durch örtliche Rüdendominanz für den Gen-Pool im Herkunftsgebiet des Azawakhs ohne nachhaltige Bedeutung, da aufgrund der kurzen Lebenserwartung ein rascher Generationenwechsel stattfindet und die Mobilität der Nomaden ein häufiges Outcrossing begünstigt. Unter europäischen Voraussetzungen, d.h. bei einer kleinen historischen „Gründungsgruppe“, einem zahlenmäßig weiterhin geringem Gesamtbestand mit entsprechender Engzucht und einer verfrühten phänotypischen Selektion, kann der Ahnenverlust in wenigen Generationen den kritischen Grenzwert erreichen , d.h. einen AVK unter 75 Einheiten. Die fortgesetzte Vermehrung innerhalb eines solchen genetisch unzureichend variablen Bestands wird nicht nur den originären Habitus der Rasse verändern, sondern nach heutigem Erkenntnisstand in eben jene Sackgasse führen, die Johan und Edith Gallant aus ihrer züchterischer Erfahrung schildern. AVK-Verlauf bei den Würfen einer auf der ersten Gründergruppe aufbauenden Azawakhzucht 1977 - 2007 Siehe Diagramm 3 unter AVK- und IK-Diagramme
AVK-Verlauf bei den Würfen einer Azawakhzucht 1983 - 2008 die seit 1995 Importe aus der Ursprungsregion einbezieht Siehe Diagramm 6 unter AVK- und IK-Diagramme Beide Schaubilder verdeutlichen mit Absicht zwei beispielhaft konträre Zuchtpositionen. Die mir vorliegenden Zahlen für weitere Zuchtstätten weisen Mischwerte auf. Die zweite Tabelle zeigt des weiteren auch die Möglichkeit, die genetische Breite eines Bestands bei anfangs ebenfalls höchst bedenklichen AVK-Werten nachhaltig wiederherzustellen. Die dritte Statistik weist auf, wie in einem mit neueren Importen aufgebauten Zuchtbestand der Ahnenverlustkoeffizient konstant im „grünen Bereich“ gehalten werden kann: Siehe Diagramm 2 unter AVK- und IK-Diagramme
Die europäische Gründerzeit der Rasse >Azawakh<. ist nicht im 19. Jahr- hundert abgelaufen, ihr Beginn liegt erst einige Jahrzehnte zurück. Der homozygote Verarmungsprozeß mit der Verankerung von Erbkrankheiten im hiesigen genetischen Pool mag sich deshalb insgesamt erst auf dem Weg zum kritischen Punkt befinden. In nahezu sämtlichen Stammtafeln der älteren Population sind die gleichen drei oder vier Deckrüden der damaligen Zeit mehrfach vertreten - dies nicht allein aufgrund numerischer Knappheit, sondern später auch unter dem Einfluß der Championatszucht, also der populationsgenetisch schädlichen Vielfachverwendung von Vererbern mit erfolgreicher Ausstellungspraxis. Insofern ist nicht so sehr der aktuelle Inzuchtkoeffizient, sondern das Ausmaß des Ahnenverlusts die Scheidemarke für eine verantwortungsvolle Zuchtpolitik.
Der Zustand der Rasse ist auch nach der genetischen Aufstockung durch neue Importe seit den Neunzigerjahren prekär. Auf der gewiß unvollständigen Grundlage uns zugänglicher Informationen hält sich das Auftreten von Erbdefekten bei Azawakhs im Vergleich mit anderen Rassen bislang noch in Grenzen. Im Gespräch sind Epilepsie, Radius curvus (vorzeitiger Ulnaepiphysenschluß), dysfunktionale Veränderungen bei Skelett und Muskulatur (Unterkieferschwäche, Muskelschwund im Schädelbereich, Fehlstellungen von Schulter und Vorderläufen, Schwächen im Stützapparat der Wirbelsäule) sowie Verhaltensauffälligkeiten und Vitalitätsverluste. Die Autoren des hier besprochenen Buchs folgen der kynologischen Mehrheitsmeinung, daß Engzucht bei wachsendem Ahnenverlust als Ursache erbgesundheitlicher Gefährdung zu sehen ist. Dies vorausgesetzt, wird ein nur aus den eigenen Reihen vermehrter europäischer Azawakh-Bestand früher oder später das genetische Debakel unserer Kulturrassen teilen. „Die züchterische Kunst besteht darin, möglichst viele der natürlichen Genvariationen zu nutzen, die in der Population vorhanden sind“ – so Dr. Helga Eichelberg vom VDH, die an gleicher Stelle vor einer „zu lange fortgesetzten Linienzucht“ warnt (>SV-Zeitung<. Juli 2007, S.416). Leider fehlt es unserer derzeitigen Azawakhpopulation an der hierfür nötigen Zahl und darin an einem ausreichenden Anteil genetisch variierender Zuchtexemplare. Anders gesagt: Nur durch eine fortgesetzte Erweiterung des Gen-Pools mit der bestmöglicher Rekonstruktion der ursprünglichen Bandbreite wird das Überleben der Rasse ohne die kostspieligen Dienstleistungen gentechnologischer Laboratorien und ohne traurige individuelle Krankheitsgeschichten auf Dauer zu erreichen sein. Hier kommt nun möglicherweise die Chance der Azawakhs ins Spiel. Zum einen: Sie könnten als erst kürzlich nach Europa verpflanzte Rasse vielleicht noch von den Erkenntnissen der neueren Kynologie durch Lernprozesse auf Seiten ihrer Züchter profitieren oder mit der Zeit gar ein dementsprechendes Umdenken des französischen Standard -„Eigentümers“ erleben. Zweitens: Nach wie vor gibt es unvermischte, durch natürliche Selektion ausgezeichnete Bestände in den heimatlichen Isolatgebieten der Rasse. Sie machen es möglich, der hiesigen Population genetisch aufzuhelfen. Voraussetzung hierfür ist das weitere Offenhalten der europäischen Azawakh-Zuchtbücher. All das hängt aber von der „Philosophie“ der Züchter und ihrer Verbandsvertreter ab. SOS Dog nimmt sich diesbezüglich kein Blatt vor den Mund: >Das moderne Hundewesen besteht aus Hundeliebhabern und aus Rassefanatikern. Rassefanatiker sind – wie das Wort besagt – völlig von ihrer spezifischen Rasse eingenommen und ihrer eigenen Meinung nach die absolute Autorität auf diesem Gebiet. Sie treten in zwei Kategorien auf. Zum einen sind da die Idealisten, die aufrichtig glauben, daß sie ihr Ziel erreichen können, eine Rasse physisch und verhaltensmäßig unbegrenzt zu „verbessern“. Neben solchen Gläubigen gibt es die bedenkenlosen Hardliner, denen jedes Mittel zum Erfolg recht ist. <…> Sie geben vor, die Hüter ihrer Rasse zu sein, weil sie bedingungslos auf den Standard schwören und auf alle Details, die dort einmal festgelegt worden sind. Das sind die einzigen Richtlinien, auf die ihre züchterische Tätigkeit aufbaut. Ihr Bestreben läuft nicht selten darauf hinaus, die Vorgaben eines Rassestandards durch extreme Typisierung zu übertreffen. Sie gehen auf die Barrikaden für Standardbestimmungen, deren Bedeutung sie manchmal gar nicht verstanden haben und deren Ursprung oder Zweck sie nicht erklären können.<
Über die entwicklungsgeschichtliche, ethologische und erbkundliche Thematik hinaus bietet Johan und Edith Gallants Buch eine Fülle von praktischen Anregungen für Züchter und Halter sowie bedenkenswerte Vorschläge für eine Reform des organisierten Hundewesens. Eine deutsche Ausgabe dürfte in absehbarer Zeit erscheinen und könnte auch hierzulande eine von eingespielten Emotionen hoffentlich freie Sachdiskussion voranbringen. Ich danke Johan und Edith Gallant, die mir ihr Manuskript noch vor der Drucklegung zugänglich gemacht und das ausführliche Zitieren daraus genehmigt haben. Ebenso geht mein Dank an die Windhundexpertin Gabriele Schröter, die ausgewählte Teile des Manuskripts ins Deutsche übertragen hat. Dr. Helga Eichelberg (VDH) und eine ganze Reihe von Azawakhzüchtern und -besitzern haben sich in dankenswerter Weise die Zeit genommen, meinen Text im Voraus kritisch zu lesen. WR [1] Die kursiv gesetzten Passagen sind Übertragungen aus einem mir in englischer Sprache zugänglichen Manuskript, das der Buchveröffentlichung vom November 2008 zugrunde liegt.
|