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Sehr geehrte Damen und Herren Richterinnen und Richter von (Wind-) Hunden,                                    
im Rahmen unserer  „QUALITÄTSOFFENSIVE“ erlaube ich mir, Ihnen in der Anlage eine Problemstudie zum Richterwesen zu übersenden. Sie beschäftigt sich mit systematischen Urteilseinflüssen in sachbezogener und wahrnehmungspsycho-logischer Hinsicht. Ziel ist die Anregung einer Qualitätssicherung, die zweifellos überfällig ist.
Die sogenannte Hochzucht und ihre art- wie gesundheitsschädigende Neben-wirkungen geraten zunehmend ins Visier der breiten Öffentlichkeit:
-  Weltweit hat sich längst ein Netz internationaler Kynologen zum Schutz ursprünglicher Rassen und ihrer genetischen Ressourcen gebildet.  
-  Europaweit findet der „Kennel Club“ Resonanz, der sich tatsächlich genötigt sieht, für primäre Überlebensfunktionen wie „Laufen, Atmen, Sehen“ einzutreten! 
-  In Deutschland hat sich der „Dortmunder Appell“ wie ein Lauffeuer verbreitet, der aufruft zu einer „Wende in der Zucht zum Wohle der Hunde“.
-  Es häufen sich die kritischen Meldungen in den Medien und Foren.
-  Selbst in den Hundevereinen, den Horten der Hochzüchtereien, kommt es zu immer lauteren Meinungsverschiedenheiten.
Im DWZRV fallen sie besonders kritisch aus, wo neben der allgemeinen Übertypisierung das konservative Gedankengut der alten Garde auf moderne  kynologische (Feld-) Forschung von engagierten wissenschaftlichen Mitgliedern stößt. Das gilt auch und besonders für die Rasse Azwakh, über die es zu einem Dauereklat gekommen ist. Seinen vorläufigen Höhepunkt fand er bei der JA-Az 2009, bei der die Richterin und der Richtervertrauensmann, der ihr bei der Ausstellung zur Seite stand, von den Teilnehmern öffentlich kompromittiert worden sind.

Das Maß scheint voll.

Denn die Übel der degenerativen Extremzucht haben  nicht nur „Hobby“- Züchter zu verantworten, wie gerne von den Verbänden behauptet wird. Vielmehr ist sie auch und im besonderen Maße dem organisierten Richterwesen anzulasten, das orthodoxe Orientierungen über alle Vernunft und kynologische Erkenntnisse stellt, nach subjektivem Geschmack „Idealtypen“ kreiert,  sich von Spektakeln hinreißen lässt und dergleichen Abwege mehr.
Kritikfähig zeigte sich die DWZRV-Leitung bisher nicht! Im Gegenteil zeichnet sie sich durch massive Abwehr in Form von Ignoranz und Zensur aus. Gelegentlich wurden Eingaben sogar diffamiert. Doch scheint sich  mit der jüngeren Generation eine Wende anzudeuten.
Peter Friedrich stellt sich erstens der Kritik und setzt sich zweitens für eine Erhaltungszucht anstelle der Championzucht ein, für Diversität anstelle von Richtgrößen! Das lässt auf einen kynologischen Paradigmenwechsel „zum Wohl des Hundes“ hoffen.
Dem möchten wir uns anschließen mit der beiliegenden Studie und einigen Vorschlägen zu einem effektiveren Qualitätsmanagement.
Denn mit Bekenntnissen ist es nicht mehr getan, aber mit besseren Kenntnissen.
Wir hoffen auf Ihre kritische Resonanz und wünschen eine produktive Richtertagung mit vornehmlich kynologischen Aspekten und Perspektiven zum „Wohl unserer Hunde“.  
Peter Sander
und andere                                                                       Im Januar 2011


Peter H. Sander:

RICHTERRICHTEN

 In der EB Nr. 52 vom Sommer ’10 erschien ein Interview von Barbara Wujczyk mit Victor Harrison, Barsoizüchter und –richter aus GB.

Wenn sich Richter öffentlich äußern, beziehen sie sich im Allgemeinen auf eine Ausstellung und die Hunde, die sie dort gerichtet haben. Meistens fällt der Kommentar banal aus. Die üblichen Textbausteine sind, sich sehr geehrt zu fühlen und hoch erfreut über die  vorzügliche Qualität der Hunde zu sein. Schließlich möchte man niemandem wehtun und vielleicht auch wieder eingeladen werden. Verständlich. So ganz ohne Kritik geht es aber auch nicht, zumal sie den vermeintlichen Kenner auszeichnet. Doch fällt sie in der Regel moderat aus und kommt selten über isolierte Details und den phänomenologischen Schein  hinaus. Gelegentliche anatomische Unterfütterungen oder dynamische Interpretationen fallen beim selben Hund je nach Perspektive recht verschieden aus.

Ganz anders Victor Harrison!

Vorweg sei jedoch B. Wujczyk wegen ihrer kompetenten wie kritischen Fragen gedankt. Wer solche stellt, bekommt meistens auch gute Antworten. Wie in diesem Fall.  Auch der EB sei Dank, die solche Fragen noch ermöglicht und damit einmal mehr ihre Unabhängigkeit beweist.
Mr. Harrison säuselt nicht herum, sondern kommt deutlich zur Sache mit seiner Kritik an der Rasse, den Züchtern und an der eigenen Richterzunft. Und das in aller Öffentlichkeit!  Wie ungeheuerlich! Zumindest für den deutschen Richter, dem öffentliche Richterschelte regelrecht verboten ist: „Er verstößt damit in  grober Weise geg. § 3 Abs. 1 dieser Ordnung“. Denn es kann nicht sein. Weil Zuchtrichter „über große Fachkenntnisse verfügen, hohe geistige und charakterliche Persönlichkeitswerte besitzen und in jeder Weise unabhängig sind“ (DWZRV-Reglement). Und noch einmal und immer wieder: „Deutsche Richter sind hervorragend ausgebildet, haben fundierte Fachkenntnisse und“ so weiter (Uwe Fischer, Richtervertrauensmann im DWZRV, UW, April 2010). So zeichnen  sich unsere Richter selbst aus. Umso selbstherrlicher und trotziger, je lauter die Zweifel werden. Über die natürlich auch deutsche Richter straucheln. Allerdings nur hinter  vorgehaltener Hand. 
Von daher verblüfft nur die Offenheit, nicht aber die Kritik selbst, die Mr. Harrison an den Tag legt. Im Gegenteil ist sie bekanntlich in aller Munde, geradezu ein Allgemeinplatz, aber öffentlich tabu.
Umso befreiender ist dieser Mut zur Meinung, dass sie endlich einmal offen ausgesprochen wird und zur Diskussion einlädt.
Mr. Harrison mag nur für englische Richter sprechen, doch lässt sich seine Kritik durchaus auch auf deutsche übertragen
Reaktionäre Kreise mögen wie gewohnt Kritik  „im höchsten Maße unsportlich“ oder „ungebührlich“ und sowieso per se destruktiv  finden.  Andere, an Effizienz orientiert, halten  sie für  unerlässlich. Ohne Kritik kein Qualitätsmanagement, mag das auch ein Fremdwort sein.

Natürlich kennen auch wir das Problem der „Blitzexperten“ (instant experts), die gestern noch nicht wussten, welchen Hund sie gerne hätten, heute schon eine Rasse züchten, weil, unser Bobby, der ist so süß, und morgen schon Richter werden wollen.
„Um alles besser zu machen.“ Und sie werden Richter, auch wenn sie nicht (selbst) gezüchtet, sondern nur zugesehen haben! Und das manchmal so schnell, dass einige dabei sogar die Statuten überholen. Überdies ist es mit ein oder zwei Rassen  leider selten getan. Zulassungen werden gesammelt wie Briefmarken.

Eine Hürde ist jedoch zu nehmen, die bei Harrison in einer gewissen Beharrlichkeit liegt: „Wenn man sich lange genug umtreibt, wird man letztendlich Richter.“ In Deutschland ist das nicht ganz so einfach: „Nicht jeder Bewerber ist geeignet, möglicherweise auch nicht erwünscht“ (Uwe Fischer, Richtervertrauensmann des DWZRV). Hier gelten offensichtlich zwei Kriterien. Bei der „Eignung“ mag  Beharrlichkeit zum Ziel führen. Sollte der Kandidat jedoch nicht passen, hat er trotz aller „Eignung“ keine Chance, wie manche Bewerber frustriert zu berichten wissen.
So oder so sind  subjektive Kriterien am Werk, die vertraulich behandelt werden und sich der öffentlichen Kontrolle entziehen. Oder darf man etwa eine Richterarbeit einsehen? Das „Niveau“ bleibt interne Behauptung und den qualifizierten Beweis schuldig!
Die subjektive Auslese ist nachteilig für das Richterwesen, da es immer wieder nur sich selbst generiert. Man könnte es Linienzucht nennen, wenn nicht Engzucht oder Inzucht. Progressiv ist das gerade unter den gegebenen Verhältnissen nicht, sondern im Gegenteil der glaubwürdigen Kompetenz eines Richters eher abträglich!
Auf diese Weise wird ein ganz bestimmter Richtertypus reproduziert, der sich nicht in seiner Unabhängigkeit beweist, wie vom deutschen Reglement vorausgesetzt wird, sondern vielmehr in seinem  Anpassungsvermögen an das herrschende „Niveau“, mag es noch so unkynologisch und widersinnig sein. Der Schaden ist längst unübersehbar. 
Eine grundlegende Fehlerquelle liegt in den „großen, fundierten Fachkenntnissen“, über die deutsche Richter angeblich verfügen. Gemessen an der häufigen Selbstauszeichnung als Kynologe, kommen erhebliche Zweifel auf. Dies Attribut wird so inflationär gebraucht, dass offenbar ein Mißverständnis vorliegt. Viele scheinen nicht einmal zu wissen, dass es sich hierbei um eine eher akademische Disziplin handelt. Einen Lehrstuhl gibt es zwar (noch) nicht, doch sind grundlegende Kenntnisse in Zoologie, Genetik, Verhaltensforschung und Empirie unabdingbar, deren naturwissenschaftliche Voraussetzungen die allerwenigsten Richter mitbringen, wie zumindest die Leitung z.B. im Fall des Azawakhs immer wieder unter Beweis stellt. Vielmehr scheinen sie die Kynologie per se mit dem Hundewesen  gleichzusetzen.  Wissenschaftlich orientierte  Kynologen würden sich jedoch ganz entschieden dagegen verwahren, stehen sie doch dem organisierten Hundewesen ausgesprochen kritisch gegenüber. So kann kaum ein Standard wissenschaftlich genannt werden, weder als Rassedefinition noch als Messinstrument.

Im Allgemeinen ist der Standard nicht objektiv, sondern historisch bedingt wie das definierte Habitat außereuropäischer Rassen. Die Population ist vielfach nicht repräsentativ, sondern oft minimal und  willkürlich ausgesucht nach Maßgaben, die kaum mehr zu verifizieren sind. Ästhetisierungen  dürften keine unmaßgebliche Rolle bei der Beschreibung gespielt haben, wie sie noch heute gängige Praxis bei der Interpretation sind. Idealisierungen schlagen sich  in der Verwendung und Haltung nieder: Besonders beliebt ist das Prunktier, vom Adel gehalten und auf Kissen gebettet. Boulevardprojektionen und Animationen. Neuerdings wurde der Barsoi gar „zur Jagd auf den Wolf gezüchtet“. Auch das scharfe Raubtier wird wieder angeboten. Überdies besteht die ohnehin bedingte Definition vor allem nur aus relativen Größen, die man nicht verabsolutieren kann.

Dies scheint den wenigsten Richtern bewusst zu sein, dass der Standard ein in vielfacher Hinsicht überaus relativer ist.

Darum schreibt Harrison:
„Wir alle müssen interpretieren, was dieses Papier über den ausgeglichenen (balanced) Hund aussagen möchte. (…) Das müssen wir vor unserem geistigen Auge in einen idealen Barsoi umwandeln. (…) Wir müssen die Tiere, die uns vorgestellt werden, immer nach diesem Idealbild beurteilen. (…) Mein idealer Barsoi ist der, der diesem Bild entspricht, das ich mir in meiner Vorstellung gemacht habe.“
Kommen wir also zum IDEALTYP, die tatsächlich entscheidende Kategorie. Sie wird irrtümlicherweise immer wieder als absolute Größe missverstanden und selbstgewiß als standardidentisch vertreten. Dabei gibt der  Standard diesen „Idealtyp“ absolut nicht her. Vielmehr orientiert sich der Idealtyp an Vorbildern. Anfangs mag es wohlweislich der Typ des Prüfers gewesen sein, später kann ein anderer Typ  Bedeutung gewonnen haben. Nur schwer wird man sich  dominierenden Trends nationaler und internationaler Typen und der attraktiven Versuchung, nach L. A. eingeladen zu werden und dort Furore zu machen, entziehen können. Mit anderen Worten: Der Idealtyp ist persönlich determinierte Geschmackssache, nicht selten extern motiviert.
Außerdem widerspricht der Idealtyp aller Diversität.
Der „Idealtyp“, eine poppige Erfindung als Non plus ultra richterlicher Kompetenz, züchterischen Ehrgeizes und spektakulärer Events ist von daher eine kynologische  Katastrophe. Alle biologische Mannigfaltigkeit wird systematisch eliminiert. Die Lefzen zu fett, der Schädel zu breit, das Weiß zu viel. Die Richter zu einfältig. Das Ergebnis sind beklagenswerte Klone(rien)! Mit allen degenerativen Konsequenzen.  
Nicht zuletzt scheint sich der „Idealtyp“ einer konkreten Definition zu entziehen. Verwiesen wird oft nur auf die Bilder prominenter Hunde,  wenn nicht blumige Umschreibungen herhalten müssen, die rational freilich nicht mehr zu erschließen sind: 
„Wenn man einen guten Saluki erkennen will, muß man seine Anatomie beurteilen, will man aber einen typischen Saluki begreifen, muß man seine Attitüde beobachten.“ Bzw.: „Friedrich von Schiller hat einmal gesagt: „Schönheit ist durch sich selbst gebändigte Kraft“, treffender kann man die Schönheit des Salukis nicht beschreiben“.

„Adel“ ist auch so ein schwammiger Begriff, der unsere höchste Anerkennung findet,

aber nicht definiert ist, sondern immer nur lustvoll umschwärmt wird.

Hier handelt es sich eher um Selbstdarstellungen als sachliche Typen-beschreibungen. Metaphorische Höhenflüge scheinen jedoch ein Höchstmaß an Definition darzustellen, gewinnen dadurch aber nicht an Objektivität. Vielmehr wird der „Idealtyp“ vor einem ohnehin zweifelhaften Standard gänzlich subjektiviert. Den gängigen Manierismen dilettierender Ästhetisierungen sind somit Tür und Tor geöffnet. Um diesem inflationären Trend entgegenzuwirken, sehen sich einige wenige Richter immer wieder aufgerufen, penibel auf den Standard zu verweisen. Das mag im Einzelfall der gelegentlichen Rückbesinnung dienen, doch werden letztlich nur Eulen nach Athen getragen.

Der Wettbewerb um Schönheit oder Leistung, eine weitere Säule des Hundewesens, gehört  keineswegs der Kynologie, sondern immer mehr der Unterhaltungsindustrie an mit all ihren kritischen Facetten der Vermarktung. Und das inzwischen dermaßen schrill, dass man sich nichts mehr vorzumachen braucht. Ohne Werbung und potente Sponsoren aus der Futtermittelindustrie sind inzwischen keine Hochglanzbroschüren und  großspurige Superevents mehr zu finanzieren.

Und die Hochzüchterei, das Herzstück, wird von Kynologen schlichtweg abgelehnt, da die Rasse auf diese Weise  nicht bewahrt, sondern auf Kosten der biologischen Varianz oder Diversität derart „verbessert“ wird, dass  zwei  neue Extremtypen kreiert werden, die mit der Ursprungspopulation nichts mehr gemein haben! Ganz zu schweigen von den Einbußen ursprünglicher Vitalität. Die degenerativen Erscheinungen beeinträchtigen die Gesundheit, Intelligenz und Funktion z.T. ganz erheblich. Einem Renngrey  ist ebenso wenig ein natürliches Gelände zuzumuten wie einem schönen Afghanischen Windhund z.B.  Der eine würde sich im nächsten Busch verheddern, der andere sich die Haxen brechen. Ein Fall für den Tierschutz! Der Barsoi, größer und langhaariger denn je, kann im Feld kaum mehr bestehen. Seine ehemals berüchtigte Leistung verkommt zu einem deprimierenden Trauerspiel, dass man vor hilfloser Wut heulen könnte. Selbst das Hundewesen beklagt gelegentlich die Konsequenzen und mault herum,  fördert sie aber gleichzeitig und führt sich damit regelmäßig und systematisch ad absurdum! 

Der Kynologie geht es um den Hund an sich als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Beim Hundewesen wird er dagegen funktionalisiert als Mittel zu unterhaltsamen, kompensatorischen und kommerziellen Zwecken, die der Kynologie völlig entgegenstehen.  Wegen der Auswüchse gehen Kynologen regelmäßig auf die Barrikaden und widersetzen sich z.B. der Importregelung oder Gingings-Preisverleihung, der gendepressiven Hochzüchterei oder einfältigen Leistungsauslese, d.h. dem Hundewesen als artschädigenden Zirkus menschlicher Eitelkeiten. Während das Hundewesen empirische Daten und wissenschaftliche Fakten nicht etwa hochschätzt und integriert, sondern sich von ihnen bedroht fühlt, sie ignoriert, zensiert, leugnet und zu diskreditieren versucht. Bar aller Gegenargumente verschanzt es sich so hilflos wie autoritär hinter seinen Regularien und Posten.  So unterschiedlich sind die Interessen!

Mit anderen Worten: Kynologie und Hundewesen sind  prinzipiell unvereinbar bzw. inkompatibel. Vielmehr stehen sie sich antagonistisch gegenüber.

Bedeutende Hinweise im Standard sind das Ursprungshabitat und die ursprüngliche Verwendung. Es gibt immer wieder Richter, die nicht einmal das Habitat kennen bzw. falschen Übersetzungen aufsitzen, geschweige denn sich intensiver mit den geograhischen und sozioökologischen Verhältnissen beschäftigen. Mit größter Selbstverständlichkeit nicht! Ich kenne nur zwei deutsche Richter, die sich im Ursprungsland ihrer Rasse umgesehen haben, um sich ein realistisches Bild zu machen.  Ebenso wenig  setzen sie sich mit der  ursprünglichen Verwendung des Hundes auseinander, ergehen sich aber mit Vorliebe  in abenteuerlichen Mythen wie z.B.: „Der Barsoi, ursprünglich gezüchtet zur Wolfsjagd.“ Oder für den Azawakh: „Die Nomaden hielten ihn gleichermaßen als Prunktier und Begleiter.“ So wird der Standard zur Folie persönlicher Projektionen, die mit der Wirklichkeit oft nichts zu tun haben und der Rasse nachhaltig schaden.
Viele Schönheitsrichter sind noch nicht einmal bei Leistungsveranstaltungen vor Ort zu sehen. Auch wenn es bequemer nicht geht, Bewegung in Aktion zu studieren und mit anatomischen Vorstellungen abzugleichen.
Die Zweckmäßigkeit liegt dem Standard zugrunde. Diese bildet er ab. Um den Standard richtig zu interpretieren, ist die Orientierung an der Funktion substanziell: Form follows function, die wiederum von den Menschen und der Umwelt geprägt wird. Doch stoßen diese wesentlichen Hintergrundsinformationen im Allgemeinen auf wenig Interesse und noch weniger Einsicht.
Insofern bleibt die Ansicht abstrakt, theoretisch oder oberflächlich wie die von Papiertigern. Kompetent ist das nicht. Dazu braucht’s mehr.

Das Verhältnis zur Kynologie ist tatsächlich ein eklatantes Missverhältnis.

Der Phänotypologie und Leistungsorientierung fehlt es an wissenschaftlicher Fundierung. Inhaltlich wie methodisch. Es mangelt an Basis. Stattdessen herrschen der schöne Schein und merkwürdige Leistungskriterien. Nicht empirisch fundiert, sondern von laienhaften Vorstellungen, persönlichen Interessen und aufregenden Legenden dominiert. Funktionalität bleibt weitgehend Fiktion, bzw. orientiert sich an eindimensionaler Schnelligkeit und anderen Artefakten. Die Bewertung flottiert  im freien Raum abgehobener Kriterien und willkürlicher Mutmaßungen mit allen Folgen schicker Übertreibungen, mögen es die Größe, das Haarkleid, die Winkelungen, das raumgreifende Gangwerk oder andere singuläre Eigenschaften wie die erbärmliche Schnelligkeit sein. Sie dienen nicht der Arterhaltung, sondern  Superlativen, der Selbstbefriedigung und dem Kommerz, d.h. dem kynologischen Verderben. Dementsprechend kann das selbstvernichtende Resultat nicht verwundern:

„Obwohl es für jede Rasse nur einen gültigen Standard gibt, ist die Schere zwischen Ausstellungs- und Rennhunden im Laufe der Jahre immer weiter auseinander gegangen. Typ, Gangwerk, Gebäude usw. „streben“ in entgegen gesetzte Richtungen. Übertreibungen gibt es hüben wie drüben. Nahezu alle Anwesenden waren sich einig, dass es unmöglich ist, die Schere wieder zu schließen. Dies wirft die Frage auf: wird das Zuchtziel des DWZRV „Schönheit und Leistung“ in absehbarer Zeit er Vergangenheit angehören?“ (Fischer, UW, April 2010)

Allein auf Halbwissen, sachliche Verwirrung und ideologische Negation sind eine Menge Ungereimtheiten und schwer wiegende Fehler zurückzuführen. Harrison nennt einige Beispiele, die zur Kategorie der Verschätzung von Merkmalen gehören hinsichtlich Relevanz und Güte. Ein Phänomen, das zu Unter- bzw. Überbewertungen führt, was die Bedeutung und Ausprägung von Merkmalen angeht. Mit anderen Worten ist die Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig, richtig und falsch nicht immer gegeben.  Oft wird z.B. die Farbe völlig überschätzt, wie vor dreißig Jahren „black and tan“ beim Barsoi, die damals in Deutschland sogar zum Ausschluß führte. Heute ist es allen Ernstes die Weißzeichnung beim Azawakh, die zu einem wesentlichen Kriterium eskaliert ist. Die „weißen Stiefelchen“ werden als so bedeutsam hochstilisiert, dass mehr Weiß zu einer erheblichen Abwertung führt. Und das trotz der bekannten Tatsache, dass der Inzuchtkoeffizient aufgrund  von ca. einem Dutzend ehemaliger Importe, auf denen die Hochzüchterei basiert, unverantwortlich hoch ist und zwangsläufig zu Degenerationen führt, und der ebenfalls bekannten Tatsache, dass diese wenigen Hunde sowieso keineswegs repräsentativ sind für das riesige Habitat von der Größe Frankreichs, sondern einem kleinen Teilbereich entstammen nach Maßgabe von Laien.
Die Fakten aufgrund umfangreicher Feldforschung werden jedoch geleugnet. Und die Leugnung ausgezeichnet. Mit dem Gingins-Preis.

Mehr noch ist das Verhältnis des Hundewesens speziell des DWZRVs zur Kynologie desaströs. 

 Einen ähnlichen Unverstand erleben wir auch beim Haarkleid. Und wie geht Harrison damit um?

 „Heutzutage scheint es, dass wir aus irgendeinem Grund keine Hundeleute mehr sind, sondern Frisöre. So war es bei den Afghanen. Jetzt haben sie zwar mehr Fell, aber dafür von allen anderen Merkmalen sehr viel weniger als früher. Sie haben ein sehr üppiges Haarkleid, und so ist es jetzt auch bei den Barsois geschehen. Es scheint, je mehr Fell, desto besser, aber wir sollten uns darauf konzentrieren, was unter diesem Haarkleid ist.“

Und das ist noch harmlos im Verhältnis zu einigen anderen Kommentaren, die sicher nicht immer auf Gegenliebe stoßen, aber mehrfach eine eher kynologische Orientierung an der Zweckmäßigkeit offenbaren.

Die o.g. Fehler können aber auch Ausdruck einer gewissen Blindheit sein, eine weitere nicht unerhebliche Fehlerquelle, dass manche Richter einfach keinen Blick für Hunde haben, keine „Affinität“, wie Harrison es nennt. Ein Mißstand, der allerdings nicht nur das Hundewesen betrifft. Wir kennen ihn auch von anderen Bereichen. Nicht jeder Pädagoge z.B. ist ein guter, mag sein Examen noch so prima ausgefallen sein. Doch ist das Hundewesen weitaus gefährdeter aufgrund vornehmlich subjektiver Auswahlkriterien, die leicht dazu führen können, dass objektive Schwächen weichgezeichnet oder internen Interessen untergeordnet werden. Diese Richter erkennt man an ihrer Unsicherheit und „Unberechenbarkeit“, wie Harrison  ausführt. Und vielleicht auch an  ihrem Anpassungsvermögen. Jeder wird gleich mehrere Namen nennen können, die hier jedoch nichts zur Sache tun. Aber die Menge verweist zweifellos auf eine nicht unerhebliche Verbreitung. 

Diese Eigenschaft kann aber auch zu anderen Beispielen gehören, die eher psychologischer Natur sind und regelmäßig zu Urteilsverzerrungen oder Fehlurteilen führen, eine so große wie tückische Fehlerquelle.  Viele Vorurteile werden sich bestätigen, nur eines nicht, dass die Fehlbewertung aus bösem Willen oder vorsätzlicher Berechnung geschieht. Die zugrunde liegenden kognitiven Prozesse laufen oft unbewußt ab und sind teilweise der Wahrnehmungsverarbeitung geschuldet:

-          Selektion: Der Wahrnehmungsapparat wählt aus einer Vielzahl von Reizen relevante aus.

-          Strukturierung: Sensorische Reize werden vervollständigt und geordnet, so dass sie als Einheiten erscheinen

-          Akzentuierung: Bestimmte Reizgrößen werden überbetont, andere unterbetont.

-          Fixierung: Jene Objekte oder Ereignisse werden fixiert, welche für die Person Bedeutung besitzen.

Das Phänomen ist vielleicht bekannt, zumal es alle Jahre wieder in den Medien vorgeführt wird. Z.B. im Spiegel (6/2009): „Stunde der Wahrheit: Wie gut sind Weinexperten bei der Blindverkostung? Ein kalifornischer Forscher hat die Connaisseurs geprüft – und größtenteils für unfähig befunden.“ Weil „das Aroma in der Flüssigkeit bei der Urteilsfindung oft nur eine Nebenrolle spielt“. Andere Faktoren können bedeutsamer sein. Weitaus relevanter wirkt sich dieser Effekt auf die Schulnoten aus. In der ZEIT Nr. 2 / 2008 heißt es: „Schwerer Weg nach oben. Das Elternhaus entscheidet über den Bildungserfolg – unabhängig von der Schulform.“
In Nr. 26 / 2010 schiebt sie nach: „In Bayern hat es der Sohn eines Arbeiters mehr als sechsmal schwerer, auf das Gymnasium zu kommen als der Sproß eines Professors, und zwar bei gleichen Leistungen.“ Allerdings  wissen wir das schon lange. Die unterschiedliche Bewertung bei gleicher Leistung wurde bereits Anfang der dreißiger Jahre als so schwerwiegend erkannt, dass die Carnegie-Stiftung eine internationale Konferenz veranstaltete und Forschungen in England, Deutschland und den USA finanzierte. Weitere Forschungen werden bis heute vor allem von der Pädagogik und Psychologie vorgenommen, wobei die Fragwürdigkeit der Zensurengebung bereits seit den siebziger Jahren als erwiesen gilt.
Es konnte nachgewiesen werden, dass verschiedene Lehrer dieselbe Leistung  z.T. extrem unterschiedlich bewerten, und zwar nicht nur bei sprachlichen, sondern auch mathematisch naturwissenschaftlichen Arbeiten, die weitaus objektiver zu beurteilen sind. Und dass derselbe Lehrer dieselbe Leistung zu verschiedenen Zeiten ebenso unterschiedlich bewertet.

So stellte sich die Frage: Welche Faktoren bewirken diesen Unterschied?
Die folgenden Ergebnisse sind sicher nicht in jedem Fall ohne Einschränkung auf das Hundewesen und Richten von Hunden zu übertragen. Gleichwohl verblüffen die vielen Übereinstimmungen, angefangen bei der Tatsache, dass verschiedene Richter denselben Hund z.T. sehr unterschiedlich bewerten und selbst derselbe Richter denselben Hund zu einem anderen Zeitpunkt unterschiedlich bewertet. Gerne werden die Differenzen der unterschiedlichen Form des Hundes zugeschrieben. Eine Begründung, die sicher nicht zu leugnen ist, das Ausmaß der unterschiedlichen Bewertung aber nur im Ausnahmefall erklären kann. Auf jeden Fall gibt es genug Anlaß, nachdenklich zu werden.

Folgende externe Faktoren beeinflussen die Bewertung:

-          Lehrermerkmale bzw. Richtereigenschaften

-          Schülermerkmale bzw. Eigenschaften von  Hundehaltern

-          Situative Merkmale bzw. Ausstellungsaspekte

Auf Seiten der Lehrer bzw. Richter gibt es eine Reihe gut untersuchter subjektiver Störfaktoren:

-  Der Hof–Effekt, auch „halo-effect“ nach Thorndike (1920!), bezeichnet eine Art Ausstrahlung von einem Leistungsbereich oder Persönlichkeitsmerkmal auf andere Bereiche, auch wenn diese in keinem Zusammenhang stehen! So schreibt z.B. ein netter Schüler den besseren Aufsatz. Vom Auftreten des Vorführers, seinem Image usw. wird auf die Qualität des Hundes geschlossen, Von der Attitüde des Hundes auf seine Güte, vom Fell auf das Gangwerk usw. Dieser Ausstrahlungseffekt hat weniger mit Sympathie zu tun, wie angenommen, sondern bildet vielmehr eine allgemeine Tendenz, welche die Erwartungseinstellung des Beurteilers prägt und in einem engen Zusammenhang mit anderen Störfaktoren steht.

-  Von besonderer Bedeutung sind auch Vorinformationen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Beurteilung dadurch beeinflusst wird, ist sehr groß. Manche Richter haben ein gutes Gedächtnis und erinnern, dass sie den vorgestellten Hund schon mal gerichtet oder sonst wo gesehen haben. War er nicht mal hier oder dort Bester geworden? Auch wird ihm mancher Aussteller bekannt sein, vielleicht als hoch dekorierter Züchter oder einflussreicher Funktionär oder geschätzter Kollege oder guter Freund. Der Hund kann nicht schlecht sein, wobei der Hof-Effekt mitspielt.

-  Als Perseverationstendenz wird ein Reihungseffekt bezeichnet, bei dem die erste Leistung eines Schülers sich auf die folgenden Bewertungen auswirkt. Es handelt sich um die Tendenz, an einer einmal gegebenen Beurteilung möglichst lange festzuhalten. Dementsprechend werden Abweichungen möglichst nivelliert. Mit anderen Worten beeinflusst die erste Bewertung eines Hundes die anderen  Bewertungen der folgenden Hunde.

-  Die Tendenz zur Einseitigkeit bedeutet, dass einzelne Beurteiler mehr zu einer positiven, andere eher zu einer negativen Beurteilung neigen. Dementsprechend verlagert sich der Beurteilungspegel von einer Normalverteilung zu einer Verteilung rechts und links davon im positiven oder negativen Bereich. Von daher kann auch von einem „Milde-„ bzw. „Strenge-Effekt“ gesprochen werden. Daneben gibt es noch die Neigung, Extremnoten zu vermeiden und nur Bewertungen im mittleren Bereich zu erteilen, die sich im durchschnittlichen Bereich bewegen. Die Tendenz zur Mitte gilt ebenfalls als einseitig.

-  Mit Social Perception ist die soziale Wahrnehmung gemeint, eine Fehlerquelle von größter Bedeutung. Eine Wahrnehmung, die vom jeweiligen sozialen Hintergrund geprägt wird, d.h. von Schichtzugehörigkeit, Bildungsgrad einschließlich kynologischer Kenntnis, Einkommen, Status, Reife, Selbstbewusstsein und natürlich auch vom Geschlecht und den jeweiligen sexuellen Präferenzen.  Dementsprechend begegnen wir der Umwelt mit bestimmten Annahmen und Vorurteilen, welche die Wahrnehmung und Bewertung des Objektes entscheidend beeinflussen. Im Allgemeinen spielen Statussymbole wie Kleidung und Manieren, Titel und Funktion eine große Rolle bei der Beeinflussung von Bewertungen.  Als eine Sonderform von Social Perception als Abhängigkeit der Wahrnehmung von der sozialen Umwelt gilt die Wahrnehmungsverzerrung unter Gruppen- oder Situationsdruck. Allein das Geraune am Ringe kann dazu beitragen. Mehr noch der berühmte Hund oder das favorisierte Ideal, der bekannte Züchter, die spezielle Ausstellung oder besondere Ausstellungsrunde, wenn es z.B. um den BOB oder BIS geht. Ein extremes Beispiel hat es auch dieses Jahr wieder bei der Weltsiegerausstellung gegeben, als zwei Zwinger drei, bzw. vier Weltsiegertitel gewannen. Das ist fatal.

 -  Logische Fehler entstehen durch die Neigung des Beurteilers, Merkmale, die er in logische Beziehung setzt, ähnlich zu beurteilen. Ein Schüler, der sich klar ausdrückt, schreibt auch gut Aufsätze. Ein erfolgreicher Züchter, adrettes Auftreten, gutes Handling usw. stehen für einen vorzüglichen Hund, ein fantastisches Fell für einen superben, die Weißzeichnung für einen hochtypischen, die Linien für einen exzellenten usw. Wir können es auch Generalisierung nennen.

 -  Implizite Persönlichkeitstheorie meint, dass sich der Beurteiler, Lehrer oder Richter, anhand von Einzelheiten eine Meinung über die Persönlichkeit des Schülers bzw. Ausstellers macht. Blondinen sind blöd (aber sexy) z.B. Sie beeinflusst die Leistungsbeurteilung bzw. Bewertung des Hundes. Ein weites Feld, gibt es doch  verschiedene Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Vorstellungen. Doch sind unsere Richter gar nicht so verschieden voneinander, sonst wären sie keine Richter.
Die spezielle Motivation und noch spezielleren Auswahlkriterien vor allem der „hohen geistigen und charakterlichen Persönlichkeitswerte“ sichern eine bestimmte Homogenität, die sich vor allem durch einen ebenso hohen Konformismus mit dem Hundewesen (zumindest nach außen hin) auszeichnet. Derartige Persönlichkeiten werden wahrscheinlich kongruente Kriterien an die Aussteller anlegen und mit in die Bewertung fließen lassen. Demnach könnte regelkonformes Verhalten im Besonderen und ein gemeinhin gesellschaftlich anerkanntes Auftreten von Vorteil sein.  

Einstellungsfehler entstehen dadurch, dass eigene Meinungen und Ein-stellungen, zu denen auch das persönliche Anforderungsniveau gehört, sich auf die Anforderungen gegenüber den Schülern bzw. Ausstellern maßgebend auswirken und dementsprechend auch Konsequenzen für die Beurteilung der Schülerleistung bzw. Hundequalität haben. Insofern können die Urteile mancher Richter laxer ausfallen als die von anspruchsvolleren. Zu den Einstellungsfehlern werden auch Übertragungen und  Projektionen von Eigenschaften gezählt, die je nachdem zu Abstrafungen oder Aufwertungen führen können. Die Überinterpretation der Schichtzugehörigkeit wird hier z.B. angesiedelt, die  allerdings mehr noch von der impliziten Persönlichkeits-theorie vorgenommen werden soll.

Wie wir sehen, gehen bestimmte Effekte nicht nur auf einen, sondern mehrere Faktoren zurück, die sie unterschiedlich stark ausprägen.

 

Mit ihnen korrespondieren entsprechende Merkmale bei den Schülern bzw. Aus-

stellern, welche die Beurteilung verfälschen können. Von großer Bedeutung sind

Schichtzugehörigkeit, Bekanntheitsgrad, Beliebtheit, Eloquenz, Aussehen und Geschlecht. Mädchen, weil noch immer besser angepasst, erhalten durchschnittlich bessere Zensuren. Beliebte Schüler schneiden 50% besser ab als unbeliebte. Kinder höherer Schichten werden noch besser beurteilt. Das lässt sich m. E. auch auf Aussteller übertragen, dass das Geschlecht, die Attraktivität, Bekanntheit und Bedeutung sowie Insignien der Oberschicht z.B. von Vorteil sind.

 

Kurzum ist ein objektives Urteil nicht zu erwarten. Dies verhindern eingeschränkte Perspektiven und psychologische Wahrnehmungsverzerrungen. Im Gegenteil spielen subjektive und externe Faktoren eine große Rolle bei der Bewertung von Hunden. Wie im Fall von Schülernoten scheinen auch sie ein Ausmaß annehmen zu können, das gelegentlich mehr Aufschluss über den Richter und das kommerzielle Hundewesen als über den zu bewertenden Hund gibt!

 

„Während die moderne Pädagogik reich an Reformkonzepten ist, scheint beim Hundewesen noch nicht einmal ein Problembewusstsein vorzuliegen.“ Auch wenn von einer namhaften Funktionärin zu hören ist: „Der Afghanische Windhund ist züchterisch runiniert.“ Wo ist das Problem?

 

Die Prognose ist von daher nicht günstig auch und vor allem angesichts der o.g. Selbstqualifikation, dass deutsche Richter „über große Fachkenntnisse verfügen“ und „hohe geistige Persönlichkeitswerte besitzen und in jeder Weise unabhängig sind“. Hier offeriert sich ein sog. grandioses Ideal-Selbst; das sich der Kritik so selbstgefällig wie notgedrungen entzieht.

Dementsprechend heftig können bei Kritik die gewohnten Abwehr-Reaktionen ausfallen, so dass jeder Diskurs zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist, wie uns die letzten Jahre besonders unter der gegenwärtigen Leitung immer wieder bewiesen haben. Das Spektrum reicht von Ignoranz über Zensur, Leugnung bis zu hemmungsloser Diskreditierung. Immer im Namen des geschundenen Amtes. Die alte Generation tritt nicht mehr wie zu Beginn ihrer Laufbahn für Hunde ein, sondern verschanzt sich aus lauter Selbsterhalt nur noch hinter Regularien, wieder und wieder. Eine Alterserscheinung, die einmal mehr zeigt, wie das Amt die Menschen verändert. Idealistisch angetreten, werden sie  reaktionär. Und das bekanntlich mit jedem Jahr mehr. Und mit jedem Kick einer Großveranstaltung. 

 

Selbstverständlich auf Kosten der Hunde.

 

Soviel Pessimismus rief kynologische Weggefährten auf den Plan, die mich beschworen, ein wenig Hoffnung walten zu lassen. Kurzfristig halte ich sie für unrealistisch, aber mit der jüngeren Generation könnte sich vielleicht eine Veränderung ergeben, hervorgerufen durch die Öffentlichkeit. Sie stand der Rassezucht immer schon skeptisch, wenn nicht ablehnend gegenüber. Wenn ich stolz verkündete, dass meine Hunde diese oder jene Auszeichnung gewonnen haben, stieß ich gemeinhin auf Unverständnis, wenn nicht Bedauern. Ob es mir oder dem Hund galt, war dabei nicht immer auszumachen. Inzwischen hat sich diese kritische Einstellung angesichts der zunehmenden art- und gesundheitschädigenden Exzesse der Hochzüchtereien gegen den z.T. qualvollen Missbrauch von Hunden weltweit formiert, internationale Symposien bewirkt und endlich auch die öffentlichen Medien radikaler auf den Plan gerufen.

So ist auch der „Dortmunder Appell“ von Christoph Jung nicht mehr zu überhören.

Dem scheint sich auch Peter Friedrich, derzeitiger DWZRV-Zuchtleiter und VDH-Präsident (Psychologe) nicht ganz verschließen zu können, wenn er in der UW 11/2010 zu aller konservativer Bestürzung  schreibt:

 

„Die Rassespezialisten sind eher dazu aufgefordert, die Population im Sinne einer zoologischen Erhaltungszucht als im Sinne einer titelorientierten Championzucht zu betreuen.“

 

Damit nicht genug, warnt er in einem internen Rundschreiben sogar vor Einbußen, welche die Erhaltung der Richtgröße bei Whippets mit sich bringen könnte. Der Standard wird flexibilisiert zugunsten züchterischer Freiheit und Diversität. Doch da, wo dies tatsächlich weitaus dringender geboten wäre, ich denke an den Azawakh, waltet restriktive Rigidität, die gar mit einem Gingins-Preis ausgezeichnet wird. Rational nachvollziehbar ist das alles nicht. Vielmehr tut sich hier ein spezielles Phänomen auf, das absurder nicht sein kann. Aber typisch ist für den sysematischen  Widerspruch des DWZRVs.

 

Möglicherweise haben auch so manche Vereinsmitglieder dazu beigetragen, die nicht mehr bereit sind, kynologisch unverantwortliche Richtereien klaglos in Kauf zu nehmen, wie z.B. bei einer JA im Jahr 2009. Es kam zu einem unerhörten Eklat, als ein ehemaliger Ch. ohne Bewertung des Platzes verwiesen werden sollte aufgrund seiner Weißzeichnung. Zur Seite der Richterin stand ein Richtervertrauensmann, der entsprechende Richtlinien herausgegeben hatte. Der Besitzer bestand auf eine Bewertung und die Außenstehen ermunterten ihn klatschend zu einer Ehrenrunde. Noch bemerkenswerter ist, wie die Richterin mit diesem Affront umging. Sie disqualifizierte in einem anschließenden Interview die Umstehenden, darunter erfahrene Züchter und ausgewiesene Experten dieser Rasse und nicht zuletzt ihre Kollegin, die denselben Hund vormals favorisierte.

Ein Horror für jeden Züchter, und ein noch größerer Horror für das Gremium.

 

Dieser fatalen Entwicklung ist zweifellos Einhalt zu gebieten.
Wir schlagen folgende Lösungsstrategien vor:
-          Prüfungen unter einem unabhängigen, wissenschaftlich orientierten und ausgewiesen versierten (VDH-) Ausschuß
-          Vertiefte Weiterbildung in Grundlagen der Kynologie, angewandter Kommuni-kation (Konfliktmanagement, Kritikfähigkeit usw.) und Wahrnehmungs-psychologie zum Beispiel
-          obligatorische Fortbildungen und Qualifikationen in o.g. Kernkompetenzen
-          sachkundige Veröffentlichungen
-          öffentliche Ausweisung der Qualifikationen neben der konkreten Erfahrung mit der jeweiligen Rasse im Rahmen der Richterporträts
-          regelmäßige Evaluationen

Bis dahin gilt:

Richter sind im Allgemeinen keine Kynologen und auch nur Menschen.

Dementsprechend ist ihr Urteil mehr oder weniger  zu relativieren.

 


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